Boris Gott: Es Ist Nicht Leicht Ein Mensch Zu Sein

Dortmund hat seine Nordstadt, es wird gerne das Problemviertel genannt. Die Nordstadt hat Boris Gott, den Ruhrpott-Barden im weißen Sakko, und der ist in neuer Mission unterwegs, allerdings sehr konsequent, mit seiner aktuellen CD: Es Ist Nicht Leicht Ein Mensch Zu Sein.


[ruhr-guide] Warum Boris Gott den 11.11. als Veröffentlichungsdatum auserkor, hat sicherlich nichts mit dem Beginn der "närrischenBoris Gott: Es Ist Nicht Leicht Ein Mensch Zu Sein Tage" zu tun, aber es ist nun mal Winterzeit, da wird Licht benötigt, und weil es nicht leicht ist ein Mensch zu sein, beleuchtet er genau die Themen, die einem das Dasein verdunkeln, bzw. erhellen: Jobfrust und Liebeslust, Hoffnung, Sehnsucht und Hartz-Vier, sowie die tägliche Suche schlechthin - bei leichtem Pop und schwerem Gefühl, denn: "Ich wollte die Musik machen, die mir fehlt im heutigen Pop-Bizz und das auch (mit)-teilen. Deshalb hoffe ich, dass meine Lieder auch für andere Menschen eine Bedeutung haben und ich in dunklen Zeiten ein kleines Licht der Hoffnung sein kann."


In seiner Muttersprache zu singen ist keine Schande, mitnichten, es kommt darauf an, die richtigen Worte mit vernünftigen Akkorden zu verknüpfen. Es ist immer noch eine Kunst, bzw. ein Balanceakt, als Liedermacher die klassischen Grenzen des Folk-Genres zu überschreiten und eine Symbiose zur Pop-Musik herzustellen, und wie das geht, beweist Boris Gott erstens zielstrebig, zweitens mit dem nötigen Gespür für die Texte, die er allesamt selbst geschrieben hat, und die Bandbreite der Themen erstreckt sich wie eine Reise von "Brunsbüttel" über den "Vulkan", bis hin nach "Lodsz" und "Barcelona". Und die Nordstadt kommt auch nicht zu kurz: "Ich hör` die Stadt und ihren Pulsschlag, diesen Rhythmus aus Beton, im siebten Stock wohnt Peter Lustig, und winkt mir freundlich vom Balkon."

Bereits Cocteau bemerkte: "Ich spüre einen Engel in mir, den ich ständig schockiere." Das klingt erst mal hochtrabend, es Boris Gott: Es Ist Nicht Leicht Ein Mensch Zu Seinklingt auch nach einer ambivalenten Einstellung. Aber als Künstler hat man das Recht, nein, sogar die Pflicht, zwiespältig zu sein, also alle Seiten zu beleuchten: "Das ist der alte dunkle Bahnhofs-Blues, das ist der ganze Scheiß durch den ich muss, ich geh den Weg allein, nackt und zu Fuß."
Nun, auch Gott hat mal getrunken und sicherlich die Spinne gesehen; Bahnhofskneipen sind der Nährboden des Blues, falls man zu den Gestrandeten gehört, und nicht zum Volk der Reisenden, und es wirkt tragikomisch, wenn es da weiter heißt:
"Ich steh`schon stundenlang
Hier rum am Zeitungsstand
Und schau mir Pornos an
Ich bin ein glücklicher Mann
Mit ein, zwei Bier vor vier
Geht es mir besser hier."

Das Überflieger-Album "Bukowski-Land" hat sich wie warme Semmel verkauft, dafür sang Boris Gott auch in Pommesbuden und vor Arbeitsämtern, und stellte dabei Rekorde auf. Nun, nach der E.P. „Nordstadt”, liegt sein drittes Werk vor. Es wird als dunkler Ü-30-Blues und Folk-Pop im Pressetext angekündigt und offenbart beim Reinhören: Ja, so kann man`s nennen, ein pompöser Sound von einer klaren Stimme beherrscht, das sind 12 neue Songs, die er und seine Band eingespielt haben. Nicht ganz, denn auf der Singleauskopplung „Tanz auf dem Vulkan” befindet sich ein grandioses Lied „Schwarzes Kind” - und irgendwo ist ein weiterer Song versteckt, als sogenannter hidden track: „Blut”. (Wer den findet, kriegt zur Belohnung Gänsehaut!)

Boris Gott ist 38 Jahre alt und seit 10 Jahren Nordstadtbewohner, er bewegt sich auf einer Schiene die man radiotauglich nennen Boris Gott: Es Ist Nicht Leicht Ein Mensch Zu Seinkann, doch von Mainstream keine Spur, es sei denn, man hält das Arrangement der Songs für zu üppig, weil es eben nicht unplugged/halb nackt daherkommt, weil es Mut zur Musik zeigt: „Ich wollte einfach eine große Platte machen. Mit viel Streichern und Bombast,” sagt Boris.
Allerdings, das ist ihm gelungen wie dereinst Johnny Cash, der gleich die komplette Mannschaft des Boston Pops Orchestra verpflichtete - Großes Kopfkino und großer musikalischer Bahnhof.

Auch das Label Nordmarkt-Records ist Synonym für die Vielfältigkeit des Sängers, der im wirklichen Leben Boris Walter heißt, der textet, komponiert und produziert, und so mit einer angemessenen Kontrolle genau das macht, was er will, nämlich vehement sein Ding. Aufgenommen wurde die CD im Kitchen Hell Studio, abgemischt von Stefan Zacharias, co-produziert im Studio 27, und Dennis Köhne hat gemastert.

Im vorletzten Song „Mandy Lane”, singt der Ruhrpott-Barde, ob im weißen oder schwarzen Jackett: „Baby Blue, reiß mir das Herz raus und begrab`s am Ems-Kanal, ich will nie mehr wieder schlafen, ich bin ein Teil des großen Plans.”
Mit solchen Zeilen geht er dann einfach aus dem Bild wie James Dean, und hinterlässt einen seltsamen Nebeneffekt.

Label: NORDMARKT-Records
Vertrieb: MME/ Digital
Format: CD
Genre: Pop deutsch
Interpret: BORIS GOTT
Barcode EAN: 4250444759804
Produktionsland: Deutschland
Link: nordmarkt-records.de
borisgott.de
VÖ: 11.11.2010

Tracklisting:
01 Bahnhofs-Blues 4:31
02 T.H.E.O. (Nirgendwo Ist Lodsz) 4:39
03 Tanz Auf Dem Vulkan 4:01
04 S.C.H.L.U.S.S. 3:12
05 Sonnenschein 3:30
06 Niemandsland 3:47
07 Mutter 4:04
08 Nackt In Brunsbüttel 3:57
09 Barcelona 3:52
10 Prinz Charles Sein Sohn 4:17
11 Mandy Lane 4:33
12 Peace (Ich Bin Ein Hippie) 3:12


Fotos: Thomas Pläßer

Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.

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