Junior Kelly

Es gibt Tage, die für gewisse Anlässe prädestiniert sind. So wie der 11. Mai. Am Todestag von Bob Marley wacht man morgens in rot-gelb-grüner Bettwäsche auf, raucht ein Pfeifchen, pfeift auf Arbeit und wiegt sich des Abends bedächtig zu warm-wummernden Klängen in wohlriechenden Katakomben.

Die Live-Station in Dortmund versprach für den 11.05.2004 Fire red pon Babylon. Turbulence und Jah Mason wollten an diesem Abend ein Feuerchen legen, das Junior Kelly dann zu großer Flamme entfachen sollte. Conscious vibes in a dancehall stylee war TOP Nummer 1.

Im Wissen um die jamaikanische soon-come-Mentalität erschien ich entgegen des für 21 Uhr angekündigten Beginns erst um halb zehn, was in den meisten Fällen immer noch viel zu früh ist. Am Eingang drückte man mir einen Flyer zur nächsten Legalize-it-Party in die Hand: Ich war also richtig! In der rappelvollen Halle angekommen überraschte mich angenehm, dass Turbulence bereits mit seiner Performance begonnen hatte. Der junge Jamaikaner, der bereits eine LP mit den Hamburgern von Silly Walks einspielte, bot einen insgesamt sehr entspannten, rootsigen Auftritt, der auch durch leise Töne glänzte, wie z. B. einer Version des Marley-Klassikers Turn your lights down low, ein Leckerbissen des Meisters. Es schmeckte nach mehr.

Als nächster übernahm Jah Mason das Kommando am Herdfeuer. Die Schlagzahl zog an. Langsam stieg die Temperatur im Publikum, hervorgerufen durch zwanghaftes Zucken zu strictly dancehall sounds. Jah Mason, ein Zögling von Junior Reid, beschwor die Leute: Keep your joy, den schließlich stand der Headliner noch aus. Dortmund war gut drauf, es stand nicht zu befürchten, dass die vorzügliche Stimmung abhanden kommt. Denn schließlich haben nur die Dortmunder Fußballfans augenblicklich Mühe mit ihrem Spaß. Mir verging ebenfalls langsam der Spaß, weil sich ein vermutlich basketballspielender Wohnzimmerschrank vor mir platzierte, der mir zudem beständig auf die Füße latschte, sich allerdings jedes Mal stilecht mit einem "Peace, Mann" entschuldigte, obwohl ich es verständlicherweise strikt vermied, so auszusehen, als wollte ich ihm eine auf die Glocke hauen.

Die Backing Band (b, dr, kb, git, 2 bvoc) machte nach Jah Mason Rast, der MC redete sich um Kopf und Kragen. Er wüsste nun, dass die Deutschen nicht alle Nazis seien (aha!), Mr. Bush sei der wahre Hitler. Die Band verlängerte die Halbzeitpause, doch bevor der Pausenclown seine weiteren deutschen Erfahrungen ("Germany said no to the war! You're so beautiful!") mitteilen konnte, machte der Mann am Mischpult dann doch Musik.

Endlich kehrte die Band zurück. Und mit ihr, sehnsüchtig vom Publikum erwartet und entsprechend begrüßt: Junior Kelly. Die Jungs hauten einen Killertune nach dem anderen raus, die Halle kochte. Eine energiegeladene Stageshow des Jamaikaners, der nicht eine Sekunde stillstand. Singend, sprechend, schreiend war er ständig auf der Bühne unterwegs. Servierte für jeden Geschmack etwas. Der 35-jährige bediente die Freunde von Dancehall, Modern Roots und Lovers Rock aus seinen inzwischen sechs Alben. Gewürzt mit consciousness. Auch er ließ es nicht an einer Hommage für Bob Marley fehlen. Eine ska-lastige Version von Kaya und eigene Tunes auf den Riddims von War und 3 o'clock roadblock. Endgültig zum Überkochen brachte der Rasta die Halle mit Love so nice, der Track, der im Jahr 2000 für 15 Wochen No. One in den jamaikanischen Charts war und perfekt in diesen Abend passte, da er die Bassline von Marleys Stir it up benutzt. Der Refrain "If love so nice, tell me why does hurt so bad?" wurde enthusiastisch von Dortmunder Publikum skandiert. Nach fast drei Stunden Fire red pon Babylon gab Junior Kelly den erschöpften Tänzern ein Smile mit auf den Heimweg. Auch Bob Marley dürfte gelächelt haben in Anbetracht eines so schönen Jahrgedächtnisses.

Das Trio macht noch in Berlin, Hamburg und Stuttgart Station, aber wir im Ruhrgebiet waren mal wieder die Ersten.

Live Station
Dortmund
11.05.2004

(Lubi)

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