Jürgen Kuttner: Volks-Beglückung

Jürgen Kuttner, Kulturwissenschaftler und intensiver Medienbeobachter, war am 30. März im Rahmen der Mülheimer Literaturtage - Wort.Wahl - im Ringlokschuppen zu bestaunen.


Archiv: 31.03.2007 [ruhr-guide] Er kann einen schon schwindelig quatschen und zeitweise sitzt man wirklich etwas ratlos vor diesem Mann und seinem Koffer voller Adjektive, die er in einer Endlosschleife von permanenter und hartnäckiger BuchstabenaneinanderreihungJürgen Kuttner: Volks-Beglückung ins Publikum schleudert. Aber sein Publikum macht einen recht "qualifizierten Eindruck" und so fährt Kuttner, Kulturwissenschaftler und intensiver Medienbeobachter- Kritiker- Auseinandernehmer- Zusammensetzer- wild gestikulierend und mit (Ost)-Berliner Riesenschnauze fort. Er führt "Videoschnipsel" vor, zeigt Ost-Fernsehen-Ausschnitte an diesem Abend, die Verlesung der Endergebnisse der Kommunalwahlen 89...Egon Krenz im Zahlenrausch und Teleprompter-Alptraum...schlägt die Brücke zu George Bush und Al Gore. Wie schaut es aus mit den "extrem genauen Wahlfälschungen?" Nur ein Anstoß. Oder zwei. "Genau hinsehen-und hinhören!"

Was ihn zugleich amüsiert und übel aufstößt, ist das Bild-Ton-Zusammenspiel in vielen Fernsehbeiträgen. Da passt jedes Wort auf jedes Bild. Es wird gehört was gesehen wird. Was Kuttner fehlt ist der Raum dazwischen. Eine Chance des Betrachters für Eigeninterpretationen. Wenn es "die Spatzen von den Dächern pfeifen," dann sind eben Spatzen zu sehen, die es von irgendwelchen Dächern pfeifen."

Und auchJürgen Kuttner: Volks-Beglückung Joseph Beuys ist Thema bei den außergewöhnlichen Kuttner-Sessions. Da steht er nun und singt: "Sonne statt Re(a)gen!" bei einem Werbespot für die Grünen. Spielt als spiele er Gitarre mit Band und einigen Damen am Mikro, die das Bild scheinbar nur ausfüllen sollen. Der komplett und voll-zahlende Gebührenzahler möchte schließlich kein halb-besetztes Fernsebild sehen ... Und Kuttner philosophiert über die Absurdität von Wetterberichten und rät dazu doch einfach aus dem Fenster zu schauen.

Die Zuschauer lachen an genau den Beitragsstellen, die Jürgen Kuttner zuvor für sie hervorgehoben hat und man fragt sich so im ganz, ganz Stillen, ob das nicht ein wenig seltsam ist. So bei genauer Betrachtung. Schließlich heisst es ja: "Genau hinsehen-und hinhören!...".

Jürgen Kuttner kommt schon sehr bald wieder in den Ringlokschuppen nach Mülheim. Dann gibt es garantiert wieder volle zwei Stunden medienkritische "Verräterveranstaltung." So pfeifen es zumindest die Spatzen von den Dächern ...

(lg)

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