Wir sind immer oben im Schauspiel Essen

Mit einer Uraufführung wurde auch die kleinere Spielstätte Casa in der Theaterpassage des Schauspiel Essen nach der Sommerpause wieder in Betrieb genommen. "Wir sind immer oben" aus der Feder von Dirk Laucke wurde von Henning Bock für das Essener Stadttheater erarbeitet.


Archiv: 08.10.2008 [ruhr-guide] Corinna (Jennifer Lorenz) hat eigentlich alles. Einen tollen Job – sie istCorinna und Sven voller Tatendrang und mit vielen Plänen. Volontärin in einer Redaktion – und hat sich in Sven verliebt. Doch glücklich ist sie nicht. Da kommt ihr Svens Idee, durch einen eigenen Plattenladen in der Gartenlaube seiner Mutter der Jobsuche zu entfliehen, gerade Recht. Doch welche menschlichen Dramen sich hier in der Gartenanlage hinter Maschendrahtzäunen abspielen, damit hat wohl auch Corinna nicht gerechnet.

Zunächst wäre da Sven – wieder einmal ein überragender Martin Vischer, der durch schnelles Spiel begeistert – mit seinen utopischen Berufswünschen, die ihm Mutter Tine (Katja Heinrich) anfangs durchkreuzt. Streitigkeiten mit der Mutter, die ein Alkoholproblem hat, stehen für Sven an der Tagesordnung. Doch Sven wäre nicht Sven, wüsste er seine Mutter nicht zu überzeugen. Schnell ist auch Tine vom Plattenladen-Virus infiziert. Aber sie ist es schließlich auch, die aus purer Verzweiflung und vom Alkohol enthemmt den Traum aller Beteiligten zerschlägt – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn Tine zerlegt den Plattenladen.

Katja Heinrich scheint die Rolle auf den Leib geschrieben. Traum geplatzt? Verschnaufpause auf der guten alten Hollywood-Schaukel. Die Grillo-Schauspielerin präsentiert sich gewohnt authentisch und begeistert vor allem mit ihrer Gestik. Wenn sie sich mit ihrer Sektflasche auf der Hollywood-Schaukel niederlässt und über die Jugend von heute und ihr eigenes Dasein philosophiert – natürlich in einem amüsanten sprachlichen Mix – wird deutlich, dass ihre Tine nicht nur schrill und laut ist. Hier und da blitzen Zärtlichkeit und Muttergefühle auf, auch wenn sie eigentlich am Leben gescheitert ist. Das zeigt ihr Hass auf Tilo, ihren Ex – Svens Vater. Den verkörpert Stephan Ullrich, der wie Heinrich authentisch spielt. Tilo scheint von allen Beteiligten am meisten am Boden zu sein – doch seine Entwicklung zeigt am Ende eher nach oben, denn es ist Tilo, der seine eigenen Fehler erkennt. Stamm (Matthias Thömmes) ist der Fünfte im Bunde. Wie Sven arbeits- und erfolglos.

Die Idee, die alle nach oben bringen soll liegt in Trümmern – als Fels in der Brandung entpuppt sich die alte Hollywood-Schaukel. Hier findet man sich ein. Hier scheint die Welt doch irgendwie in Ordnung. Oder nicht? Corinna ist diese Welt zu klein – sie nimmt als einzige Reißaus, als der große Traum geplatzt ist. Der Rest bleibt.

Laucke schrieb dem Schauspiel Essen ein modernes und zeitnahes sozialkritisches Stück. Dramatisch, melancholisch, vor allem aber lustig und unterhaltsam. Bedeutend vor allem die stellenweise tiefgründigen und nachhaltigen Dialoge.

Henning Bock besorgt die Uraufführung schnell und rasant und hat ein ausgezeichnetes Ensemble um sich geschart, das er gekonnt in Szene zu setzen weiß. Im kleinen intimen Raum der Casa kommen die Aussagen beim Zuschauer an. Mit vielen musikalischen Einlagen weiß Bock zudem den Raum zu nutzen.
Eine gelungene Inszenierung, für die es am Ende zu Recht nicht enden wollenden Premierenapplaus gab.

Wir sind immer oben


Karten und Infos online unter www.schauspiel-essen.de oder telefonisch unter 0201 8122200.

(ms)
Fotos: Schauspiel Essen/Diana Küster

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