Jim Rakete: 1/8 sec. - Vertraute Fremde

Innehalten, Aufmerksamkeit schenken, geduldig sein, einen Schritt zurücktreten: Der Fotograf Jim Rakete hat genau dies getan. Die Werke seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Ludwig Oberhausen sind eine Hommage an das Handwerk Fotografie. Mit Hilfe einer Plattenkamera hat er vorwiegend 2007 illustre Menschen der Zeit aufgenommen. Die Technik erfordert vom Fotografen und vom Fotografierten Zeit, gleichzeitig schenkt sie den Protagonisten eben diese. So sind Momentaufnahmen entstanden, die den Augenblick zu einer Ewigkeit werden lassen.


Archiv: 16.01.2009 [ruhr-guide] An der Schwelle zu einem neuen Zeitalter, Christiane Paul, 2007© Jim Raketevon der analogen Fotografie, der "Film-Zeit", zur digitalen Fotografie. "Ähnlich dem Ende der Öl-Zeit", beschreibt Jim Rakete, der schon als 14-jähriger den Politiker Willy Brandt auf Film bannte, diesen Wandel der Technik. Aber nicht nur die Mechanik hat sich digitalisiert, auch das Handwerk Fotografie. Massenhaft Fotos machen kann jeder, der eine Digicam sein eigen nennt. Jetzt zählt nur noch, dass ein Bild auch "übertragen" wird. Genau dies möchte Rakete nicht. "Man sollte akzeptieren, dass ein Bild entsteht." Es ist eine Wechselwirkung zwischen Fotografen, Model und der Kamera, "die wie eine dritte Person ist".

In Mitten des Alltags inne halten

Die Erkenntnis, dass Fotografie nie mehr so sein wird, wie die Filmbelichtung, die "Silberfotografie", es erforderte, bewog Rakete zu seiner Entscheidung, mit der Plattenkamera zu arbeiten. Mit der Idee "die Technik der Ahnen" zu verwenden, will Rakete die "glaubwürdige Belichtung von einer Persönlichkeit" ergreifen. Den Aufwand, den diese Art von Kamera erfordert, bedarf tatsächlich auch starker Persönlichkeiten. Vielleicht kehrt diese intensive Zusammenarbeit ein glaubwürdiges Bild des Menschen hervor, der gezwungen ist, in Mitten des Alltags inne zuhalten. Einfach nur zu sein.

Der Augenblick puren Daseins

Für die Arbeit mit der Plattenkamera blieb ein Jahr. Oft wurden die Jim Rakete: 1/8 sec. - Vertraute FremdeBegehrten dort aufgesucht, wo sie gerade standen, reisten oder arbeiteten. Auf der Treppe des Bahnhofs Friedrichstraße wie Henry Hübchen, Christiane Paul auf dem Bahnsteig, Jasmin Tabatabai nach Drehende, Herbert Knaup in der Kneipe. Die Fotografien entstanden auch im Studio, vor der groben Leinwand, der LKW-Plane, auf schlichten Möbeln. Ein Teil dieses Studios ist im Museum zu sehen. Zu dem sind die Fotografierten ungeschminkt, denn "ein gutes Bild, ist ein Bild, dass man sich merkt," sagt der Meister und da spielen Farbe, Hektik und Kleidung keine Rolle. Der Augenblick puren Daseins zählt.

Die lange Belichtungszeit erfordert gänzliche Stille

Die Technik der Plattenkamera verlangt absolutes Verharren, keine Bewegung. Durchschnittlich zehn Platten belichtet Rakete, er will sicher gehen, dass zumindest ein Bild dabei ist, das etwas geworden ist. Nerven kostet dieses Verfahren, jede Platte muss eingelegt, belichtet und gesichert werden. Dabei spielt die berühmte Achtelsekunde, die sich auch mal auf zehn Sekunden erhöhen kann, die Rolle. Es ist diese lange Belichtungszeit, die gänzliche Stille erfordert. Der Fokus ist nur auf einen Punkt gerichtet, schon verschwimmt der bewegte Hintergrund, das vom Wind erfasste Haar. Jim Rakete beschreibt es: "Der Umgang mit diesem Zeitrahmen, ist wie ein Vertrag mit dem Porträtierten, die Zeit anzuhalten."

Die vertrauten Fremden aus Film, Musik oder Politik

In der Galerie Ludwig im Schloss Oberhausen werden rund 130 Fotos vonJim Rakete: 1/8 sec. - Vertraute Fremde Jim Rakete ausgestellt. Die Porträtierten sind bekannt aus Musik, Film, Politik, Sport und Kunst, eben die vertrauten Fremden. Ein Teil der Ausstellung beherbergt vorwiegend die Arbeiten aus 2007, im zweiten Teil sind auch ältere Arbeiten zu sehen. Hauptsächlich mit Politikern, von Brandt über die junge Merkel zu Steinmeier. Zur Ausstellung gibt es sowohl ein Begleitprogramm für Kinder, Jugendliche und Erwachsene als auch eine Gesprächsreihe mit Jim Rakete und prominenten Gästen. Alle Informationen sind unter www.ludwiggalerie.de zu finden.

Jim Rakete: 1/8 sec. - Vertraute Fremde

18.1.2009 – 10.5.2009

Galerie Ludwig – Schloss Oberhausen

Konrad-Adenauer-Allee 46
46042 Oberhausen

Öffnungszeiten:
Di – So 11-18 Uhr, Mo geschlossen

Öffentliche Führung: jeden Sonntag um 11.30 Uhr, im Eintritt enthalten

Eintritt: 6,50 Euro, erm. 3,50 Euro, Familien (zwei Erwachsene plus Kinder) 10,50 Euro
Kombiticket mit dem Gasometer Oberhausen 7,50 Euro
Ausstellungskatalog: 68 Euro

Infoline: 0208 – 4124928
Mail: ludwiggalerie@oberhausen.de

Foto 1: © Jim Rakete

(sk)

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