Schon Peter Handke hat mit seiner Erzählung "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" die Strafstoßthematik aufgegriffen, uns aber - zumindest mit dem Titel - in die falsche Ecke geschickt. Denn welcher Torwart hat schon Angst vorm Elfmeter?
[ruhr-guide] Ganz im Gegensatz
zum Schützen, dem zukünftig noch weitere graue Haare wachsen werden. Die Universität in Hong Kong hat nämlich eine Studie veröffentlicht, deren Quintessenz den Torwart in eine unschlagbare Ausgangsposition versetzen soll.Professor Rich Masters von der psychologischen Fakultät hat Videoanalysen von 200 Strafstößen in wichtigen Spielen vorgenommen und ist zu der Erkenntnis gelangt, dass der Schütze zumeist die Ecke wählt, die der Torwart "anbietet". Das bedeutet, der Mann auf Linie macht eine Seite des Tores quasi größer, indem er sich etwas neben der eigentlichen Mitte aufstellt, meist unbewusst. Der Schütze schießt in die offene Ecke, in die sich der Torwart dann gemütlich fallen lassen und genüsslich den Ball abfangen könnte, wenn er es vorher so geplant hätte.
Man muss dem Spezialist für implizites Bewegungslernen zugute halten, dass er sich geografisch an der Peripherie des Fußballnabels bewegt. Nur daran kann es liegen, nun eine Erkenntnis aufzutischen, die seit Menschengedenken auf den Bolzplätzen dieser Erde zum kleinen Einmaleins zählt. Noch bevor das Feuer entdeckt wurde, haben sich 10-jährige im Elfmeterschießen gemessen. Jeder gegen jeden. Wer verschießt, muss ins Tor, bis der nächste verschießt. Für jeden Elfer, den man passieren lassen muss, wird ein Punkt der am Beginn vergebenen 11 abgezogen. Gewinner ist, wer am Ende noch einen Punkt hat.
Das Spiel hat aus kleinen Jungen Nervenstrangmonster gemacht, wurde doch mit den perfidesten Psychotricks am Sieg gearbeitet. So zum Beispiel mit dem bewusst nicht mittigen Aufstellen. Was einem aber als Torwart überhaupt nicht half, da man nicht ahnen konnte, ob der jeweilige Schütze nicht wie Phoenix aus der Asche zum großen Helden aufsteigen wollte, indem er seine Leistung mit der Verwandlung des Elfers in die zugestellte Ecke zu krönen gedachte, während man selbst glanzlos auf die freigegebene Seite segelte.
Dafür hat Mister Masters aus Hong Kong jedoch den Plan. Der Torwart muss seine asymmetrische Position vom Schützen unbemerkt verwirklichen. Deshalb verschiebt der Keeper seinen zentralen Standpunkt lediglich um sechs bis zehn Zentimeter zur Seite, was der Schießende nur unterbewusst rezipiert. Genial!
Wird in der Praxis jedoch daran scheitern, dass nur wenige Torhüter 7,32 m durch zwei minus 0,06 berechnen können. Das schafft vielleicht Herr Lehmann, der aber ebenfalls Mühe haben wird, das Ergebnis auf die Torlinie zu übertragen, solange er im Stutzen einen Zettel anstatt Maßband oder GPS trägt.
Letztendlich bleibt es also dabei: Elfmeterschießen ist das yin-yang des Fußballs. Torwart und Schütze werden weiterhin dem ewigen Konflikt rechts-links-flach-hoch unterworfen sein und diese Frage des Lebens zu beantworten trachten. Womit wir wieder bei Peter Handke und seinem Roman wären.
(Lubi)

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