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LesArt 2007 in Dortmund: Von Szenenapplaus und Zugabe-Rufen

Einfach vorlesen war gestern. Wie man es heute macht, zeigte das Dortmunder Literatur-Festival LesArt 2007 vom 22. Oktober bis zum 4. November. Neben den hochkarätig besetzten Autorenlesungen gab es dieses Jahr einen Poetry Slam, eine Hörspielnacht, Workshops, und eine Performance, die die Grenze zwischen Literatur und Live-Musik überwindet. Wir waren bei der "Nacht der ganz jungen und der nicht mehr ganz, aber doch richtig jungen Literatur".


[ruhr-guide] Im Domicil eröffnete Désirée Nick das LesArt.Festival eindrucksvoll mit "Eva go home", dem bisher vierten Buch der selbsternannten Diva. In ihrer Streitschrift bot sie der Ex-Nachrichtensprecherin Hermann paroli, denn deren Forderung 'Frauen zurück an den Herd' kann die streitbare Gewinnerin des Fernseh-Dschungelcamps nicht unkommentiert lassen.

Damit dem Festival das Frischfleisch nicht ausgeht, wurden im LesArt.Literaturseminar aus schreibenden Studentinnen und Studenten die Autoren von morgen gemacht. Unterrichtet haben in diesem Jahr wieder Klaus N. Frick (Fantasy-Experte • Perry Rhodan), Kathrin Lange (die bekannte Autorin fantastischer, wissenschaftlich Dortmunder Literaturnachwuchsfundierter Historienromane) und Hartmut Kasper (Literaturwisschaftler, -kritiker und Autor).

Mit der Nacht der ganz jungen und der nicht mehr ganz, aber doch richtig jungen Literatur im Fletch Bizzel ging LesArt. weiter.
Was nach einem dreitägigen LesArt.-Workshop am Samstag präsentiert wurde, war mehr als nur Vorprogramm. Fünf Autoren lasen. Lyrisches zum Kollekiv-Zwang zur Individualiät und ein Prosa-Text über einen schon im Ansatz gescheiteren, skurilen Städtetrip per Billigflieger stimmten das Publikum nicht nur auf die Lese-Profis ein, sondern entfachten laute Lachattacken.

Dietmar DathAls Dietmar Dath auf der Bühne Platz nahm, äußerte er zuerst Bedenken: Nach der überschwänglichen Ankündigung des Veranstalters müsse er ja jetzt gut sein. Doch die Bedenken waren unbegründet, er konnte die Erwartungen voll und ganz erfüllen.

Der ehemalige FAZ-Feuilletonist und Spex-Redakteur las aus seinem neuen Buch "Waffenwetter". Aus der Perspektive einer Neunzehnjährigen gab es Aufschlussreiches von einem gymnasialen Mädchenklo und Lähmendes aus dem deutschen Bürokratie-Alltag.

Aus "Dirac" stammte die Szene, in der einem werdenden Vater im Krankenhaus seine Hilflosigkeit die Sinne vernebelt. In dieser Situation nimmt er einen Anruf einer Bekannten entgegen und in diesem Anruf zeigte Dath seine Qualitäten als Highspeed-Vorleser: In unglaublichem Tempo, so schnell, wie sonst klischeehafter Weise nur Frauen am Telefon sprechen können, bombardiert die Anruferin den ohnehin schon Überforderten mit den Neuigkeiten aus ihrem Privat- und Berufsleben der letzten paar Wochen. Dies auf ca. vier Seiten unterzubringen, erfordert schon einen guten Autor. Aber das Ganze auch noch innerhalb von zwei immer länger werdenden Minuten vorzutragen, war ohne Zweifel ein Highlight.
Der folgende Szenenapplaus lässt sich nur mit dem nach einem gelungenen Solo bei einem Jazzkonzert vergleichen.

Hartmut KasperDer zweite Autor Hartmut Kasper, 1959 in Wanne-Eickel geboren, schreibt sonst für die "Perry Rhodan"-Serie. In Dortmund stellte er sein im September 2007 erschienenes Buch "Drei-Männer-Eck" vor. Der Schauplatz ist die Ruhrstadt. Von diesem Ausgangspunkt gab es Geschichten von einer grotesken 60. Familien-Geburtstagsfeier, dem kalten Gelsenkirchener Karneval, deren Tanzmariechen und deren Fürzen. Die vor einiger Zeit aus dem Ruhrzoo entsprunge Wölfin und ihr tragisches Ende auf der Autobahn war ebenfalls Teil der Erzählung ohne Happy End.
Die Zuschauer wollten Kasper gar nicht mehr von der Bühne lassen, Rufe nach einer Zugabe wurden laut. Diese Nacht hätte länger sein sollen ...

Die Veranstalltung im Sissi Romberg nannte sich »ploff!«, und stand im Zeichen der Wirklichkeitsanalyse.
Thomas Raab zeigte mit seinem Buch "Nachbrenner - Zur Evolution und Funktion des Spektakels" wie unsere Erlebnisgesellschaft an die tierischen Instinkte des Menschen appelliert, und dabei aus kurzfristigem Profitstreben die Möglichkeit verfallen lässt, durch das Abfackeln von überschüssiger Energie im Event einen Erkenntnisgewinn beim Betrachter zu erzielen.

Ulf Heuner präsentierte mit Patzer, Pannen, Missgeschicke. Das erste Überlebenshilfebuch - Complicate your life! sein Plädoyer für einen entspannteren Umgang mit dem Unvorhersehbaren. Es bleibt zu hoffen, dass damit eine Trendwende auf dem Ratgeber-Markt eingeleitet wird, denn viele andere Veröffentlichungen zu diesem Thema bescheren den Verlagen zwar steigende Umsatzzahlen. Ob den Hilfsuchenden aber auch wirklich geholfen wird, steht auf einem anderen Blatt.

Weitere lesende Autoren waren Margit Schreiner,Ursula Maria Wartmann, Heinz Strunk, Gerd Dudenhöffer und viele mehr.

Den"LesArt.Preis der jungen Literatur 2007" gewinnt der Lokalmatador Tobias Rauh mit seinem Text »Hafenliebe«.

Veranstalter sind der Dortmunder Verein für Literatur, die Stadt- und Landesbibliothek und das Kulturbüro der Stadt.

(mrc)






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