"Schafskälte" nannte man ein paar Tage im Juni, wegen dem Regen. Das Public-Viewing auf dem Friedensplatz, wie anno 2006 bei der WM, diesmal während der Europameisterschaft, ließ trotzdem zig Tausende vor der Bilderwand ausharren und zittern. Dr. Langemeyer, der das Treiben aus dem Fenster beobachten konnte, will 2009 erneut für das Amt des Oberbürgermeisters kandidieren, obwohl die Klinikum-Affäre und seine eigenen Genossen gewaltig an seinem Image kratzen.
Langemeyer
und die Fußball-EM - zwei Ereignisse die im Juni einerseits lokalpolitisch, andrerseits europaweit für Furore sorgten.
Fußballspiele zu analysieren ist denkbar einfach: Vor dem Spiel ist nach dem Spiel. Erst die Türken ermöglichten es uns bis ins Finale einzuziehen - weil sie zu gut waren, aber ihnen das Glück fehlte. Nur der "spanische Stier" zeigte uns Grenzen. Adios Alemania.
Trotzdem hatten wir unseren Spaß. Und Regen satt. Der wiederkehrende Sommer am Wochenende des Endspiels, der Beginn der Ferien und die steigenden Spritpreise sollten versöhnlich stimmen, denn so ist das immer, des einen Leid, des anderen Freud.
Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft hätten Beckenbauers Kommentare in der BILD und Netzers Meinungen im Fernsehen beherzigen sollen, schließlich sind die beiden vom Fach und im Konjunktiv hat man immer gut reden: Wäre der Fuchs nicht zur Toilette gegangen, hätte er einen Hasen gefangen. Reichten Löwis Gestik und Verbalattacken vom Rande des Spielfeldes, bzw. von der Tribüne nicht aus?
Könnte ja sein, dass Lehmann, Ballack, Klose und Konsorten ihre eigenen Vorstellungen hatten - die sie leider nicht richtig umsetzten. Aber als Vize werden sie nicht am Hungertuch nagen, 150 000 Euro pro Person; übrig bleibt ein minimaler Image-Verlust.Zur Zeit ist die EDG damit beschäftigt die Fähnchen von den Straßen zu sammeln, das Event ist vorbei, neue Schlagzeilen lauern darauf veröffentlicht zu werden. Und über die EDG ist auch der Faden zum Dortmunder Oberhaupt gefunden: Entgegen den lauten Stimmen seiner Partei, möchte unser OB Langemeyer während einer weiteren Amtszeit "Dinge zum Abschluss bringen" die er in die Wege leitete. Prestigeobjekte: Der Phoenixsee, das Dortmunder U, vermutlich um die Analen der Dortmunder Geschichtsbücher zu füllen.
Seine "Taschengeldaffäre" bleibt außer Acht, das Desaster des Klinikums dagegen nimmt Formen an, Regierungspräsident Helmut Diegel (CDU) schaltete die Staatsanwaltschaft im Sinne von "Vorermittlungen" ein. Durfte Dr. Langemeyer dem Krankenhaus einen Freibrief (Patronatserklärung, wie es Amtsdeutsch heißt) für weitere Schulden erteilen? Sollen die kommunalen Brüder EDG und Stadtwerke bluten oder wären private Investoren eine bessere Lösung? Zur Debatte stehen 4000 Beschäftigte und Verbindlichkeiten den Banken gegenüber, die jede Firma längst in die Insolvenz getrieben hätte.
Blicken wir nach "draußen", zum Siemens-Konzern. Dort wurde alles geschmiert was sich nicht bewegte, und brachte knapp 4 Milliarden Euro Gewinn im Jahr 2007, und nun werden, denn solche Ankündigungen sind bereits beschlossene Sache, weltweit 15 000 Stellen und bundesweit 2000 Arbeitsplätze "sozialverträglich" wegfallen, wie Vorstand Peter Löscher der Presse mitteilte. Und: "Der Wandel geht weiter."
Da hat es ein Oberbürgermeister schwer, seine Gratwanderungen, bzw. seine Alleingänge sind längst ein Seiltanz, laut Forsa-Umfrage vom 19. Juni würden nur noch 34% der Wahlberechtigten dem OB ihre Stimme geben. Rudert er bereits ohne Kompass auf dem noch nicht gefluteten Phoenixsee?
Fakt ist, Langemeyer befindet sich in politischen Gewässern, während Siemens-Löscher außerhalb der 12-Meilen-Zone agiert und seine Portokasse nicht mit schlappen Millionen, sondern mit Milliarden gefüllt ist. Lesen Sie mal die BILD-Zeitung, wie ich es täglich tue, dann wird ihnen schon auf Seite Eins schwanger-schwindelig: prägnante Schlagzeilen. Oder lesen Sie den Lokalteil der WR/WAZ/Ruhr-Nachrichten, dann können Sie sich ein Bild über die Politik ihrer Stadt machen die viel dem Fußball gleicht: Vor der Wahl ist nach der Wahl.
Schafskälte, ein Witterungsregelfall, der statistisch eine unglaublich hohe Eintreffwahrscheinlichkeit von 89 Prozent hat, ist die so genannte Kälteperiode um den 11. Juni. An diesem Tag spielten Tschechien gegen Portugal 1:3.
Am 11. Juni wurde eine öffentliche Sitzung der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord abgehalten und auch Punkt 6.1 verhandelt: Ausstattung des Nordmarkts mit verschließbaren Toren - die hatten so manche Teilnehmer während der EM bitter nötig, und sind am Nordmarkt sicherlich fehl am Platz.
(Hartmuth Malorny)
Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.
Foto: Roberto Tarallo

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