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Kolumne Oktober 2008

Was den Oktober anfangs so sympathisch machte war die Tatsache, dass der Tag der deutschen Einheit auf einen Freitag fiel und überhaupt der erste Feiertag nach einer langen Durststrecke war, aber dann wurde uns der goldene Monat so richtig vermiest: Finanz- und Wirtschaftskrise, Rezession, das große Bangemachen.


[ruhr-guide] Hartmuth Malorny Als im September der amerikanische Geldmarkt zusammenfiel (oh, wie plötzlich) und die U.S. Regierung über 700 Milliarden Dollar Soforthilfe nachdachte, wiegelte man bei uns noch ab: "Für uns gibt es in den Verantwortlichkeiten und in den Auswirkungen Unterschiede, sodass aus Sicht der Bundesregierung eine solche Maßnahme, wie sie die USA jetzt getroffen haben, nicht notwendig ist", sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Genau 4 Wochen nach dieser Meldung, nämlich am 20. Oktober, trat das deutsche 500-Milliarden-Euro-Eilgesetz in Kraft.

Sie erinnern sich: Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hatte dem Pleitekandidaten Lehman-Brothers, wissentlich um die bevorstehende Insolvenz, 300 Millionen überwiesen - und als "technische Panne" erklärt. Danach rissen die Schlagzeilen nicht mehr ab und offenbarten das Ausmaß globaler Zockerei, jeder machte mit, jeder wollte Profit. Doch das Desaster hat auch einen positiven Aspekt, endlich erhalten wir, also Menschen wie Sie und ich, einen Blick hinter die Kulisse, endlich verstehen wir den im Finanzjargon gehandelten Begriff "peanuts". Der wurde während des Mannesmann-Prozess 2004 kreiert, als Josef Ackermann 111 Millionen Euro für "Erdnüsse" hielt und furchtbar über die weniger verdienenden Moralapostel schimpfte: "Wach auf, Deutschland".

Aber Deutschland, bzw. die Bundesregierung, schlief weiter, nur keine Pferde scheu machen, der Markt reguliert sich selbst, und wenn es galt Rahm abzuschöpfen, wollte keiner hinten anstehen. Die verlockendsten Renditen versprachen U.S. amerikanische Banken, und nach den gewieften Großanlegern ließen sich die unerfahrenen Kleinanleger von utopischen Gewinnen blenden. Selbst die Kämmerer der Kommunen erkannten bereits seit Jahren das Potential des "global playing", sie verschleuderten einem Teil ihrer Steuereinnahmen wie Spielgeld und fielen auf den uralten Trick rein, dass Geld nicht unendlich ist; es verschwindet auch nicht, es versickert höchstens in unbekanntem Gefilde.

In dieser Hinsicht war der Oktober ein Jammermonat. Ich komme auf das 500-Milliarden-Euro-Eilpaket zurück, dass im Kraftakt der großen Koalition binnen einer Woche ratifiziert wurde. Und dann wollte anfangs keiner was vom Kuchen haben: Ackermann, Deutsche Bank, wiegelte ab. Auch andere private Banken hielten sich bislang zurück. Natürlich hätten sie gerne etwas aus dem Topf, aber Merkel, Steinbrück und Co. hatten in tage- und nächtelanger Klausur einen irrwitzigen Passus erarbeitet, der den Managern bei Inanspruchnahme der Bürgschaften und Kredite die Gehälter beschneidet. Lächerlich, finden die Banker, im Jahr höchstens 500 000 Euro. Das wäre so, als würde man Josef Ackermann zu ALG Zwo (Hartz Vier) verdonnern.

Ob medienwirksam oder selbstlos, die Charaktergeste kommt mal wieder aus dem Ausland, genauer, Österreich. Die Gemeinde Oberschützen, dessen Bürgermeister ein gewisser Günter Toth ist, hat per Ratsbeschluss 210 000 Euro als so genannte Zins-Swap-Kredite genehmigt und sitzt nun auf 80 000 Euro Verlust. Aber der Bürgermeister springt in die Bresche, er verzichtet auf sein komplettes Jahresgehalt 2009 und nennt es Schadensbegrenzung. Schön. Schließlich ist Günter Toth Inhaber der KommunalConsult Steuerberatungsgesellschaft KEG.

"Wach auf, Deutschland", sagte der Deutsche Bank Chef, Inhaber des Kapitals. "Geierfonds! Es könne nicht angehen, dass Hedgefonds strauchelnde Unternehmen kauften und zerschlügen, nur um Gewinn zu machen. Und die Staaten, die so etwas zuließen, seien nichts anderes als „moderne Räuberbanden", sagt hingegen ein Namensvetter des berühmten Karl Marx, nämlich Bischof Reinhard Marx, und sein neustes Buch "Das Kapital" geht weg wie warme Semmel.

Nun, ich kann mich weiterhin zurücklegen und ein wenig schlummern, ich gehöre der Minderheit an die keine Sparkonten, Lebensversicherungen oder Aktien besitzt - noch in Hedgefonds investiert. Ich gehöre zu denen, die von der Kehrseite profitieren, nämlich vom derzeit billigen Benzin und der Möglichkeit, einen günstigen Urlaub in Island zu verbringen. "Let's make money!"

(Hartmuth Malorny) Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.

Foto: Roberto Tarallo





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