Immer dieses umdrehen und rückwärts schauen in die Vergangenheit, besonders am Ende eines Jahres, weil uns das Neue von Politik und Wirtschaft, dem Chef und der Ehefrau gleich als ein Schlechtes verkauft wird, sozusagen prophylaktisch und wegen der Rezession. Immer ein bisschen Wehmut vor dem was war und Skepsis gegenüber der Zukunft - also eigentlich wie immer. Wir jammern gerne. Aber so richtig wissen werden wir es erst in ungefähr 12 Monaten, beim Jahresrückblick 2009.
[ruhr-guide] Außer bei Sonnenklar-TV, QVC, RTL-Shop oder ähnlichen
"Wohnzimmer-Sendern" hält man was auf sich und scheut keine Mühen: ARD, ZDF, Kabel Eins , Pro 7 etc. etc. etc. liefern ab November, und der Reihe nach bis Silvester, eine Retrospektive zur besten Sendezeit. Jahresrückblicke en masse. Um uns zu erinnern. Damit wir weinen und lachen können, traurig, pikiert, erfreut oder fassungslos sind. Deswegen schickt jeder Sender, sobald das erste Weihnachtsgebäck im Supermarkt erscheint, einen Mitarbeiter (optional eine Mitarbeiterin) in den Keller. Ins Archiv. Dort kann sich der Mitarbeiter (optional die Mitarbeiterin) am Schneidetisch höchst kostenneutral austoben und der jeweilige Produzent denkt: Ist doch eine feine Sache, so eine Konserve, und wenn uns das Publikum nicht vor dem ersten Werbeblock wegbricht, ist die Chose finanziert.
Überhaupt decken sich die Fernsehsender während den Feiertagen gerne mit Konserven ein, was mich, bei gefülltem Kühlschrank, motiviert vor der Flimmerkiste sitzen lässt, denn nun komme ich endlich dazu auch die Schmachtschinken, Actionfetzen und Blödellappen zu sehen, die ich ansonsten verpassen würde. In dieser Zeit hebe ich mich vom bundesdeutschen Durchschnitt ab, der statistisch gesehen pro Woche rund 13 Stunden vor dem Fernseher verbringt. Das ist nicht viel, denn will man nur eine Fernsehserie regelmäßig verfolgen, nehmen wir beispielsweise "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", ergibt das bereits ein wöchentliches Zeitfenster von 120 Minuten. Folglich schlägt mein nimmersatter TV-Konsum in der 52. Woche jeden Fernseh-Junkie um Längen.
Und wie sieht ihre Bilanz aus?
Meine Großmutter hat mich von Kindesbeinen dazu angehalten Dinge nicht gleich wegzuschmeißen, das kann man noch gebrauchen, sagte sie gerne und stapelte seit dem zweiten Weltkrieg Geschenkpapier, hübsche Kartons und besonders Verpackungen, Zeitschriften und Einmachgläser im Keller. Und Kalender. Obwohl ihr niemand gesagt hat, dass sich alte Kalender erst nach 400 Jahren wieder verwenden lassen. (Oder nach 28 Jahren, wenn man keinen Wert aufs Schaltjahr legt.) Trotzdem erkannte sie die Zeichen der Zeit, Oma sammelte vorwiegend "Jahresplaner" in DIN-A1-Größe oder Monatskalender mit hübschen Motiven der masurischen Seenlandschaft, denn die damals typischen Abreißkalender waren zwar in Mode - sie wurden zuhauf von Apotheken verteilt, taugten aber in puncto Recycling nicht die Bohne.
Der merkwürdigste Moment im Leben eines Abreißkalenders ist der letzte Tag des Jahres: Silvester. Dann ist der dicke Stapel dünn, dann ist er auf den Hauch der Makulatur geschrumpft, dann zupft man ein letztes Mal und denkt wehmütig daran, wie prall er war. Na ja, es beginnt und ändert sich: Ostern leicht geschmälert, im Sommer Idealfigur und zum Winterbeginn erneut ein loses Fähnchen. So ist der Lauf der Zeit.
Doch was wäre meine Oma, wenn sie nicht wäre was sie war: Sie bemerkte innerhalb weniger Dekaden, und zwar während der Entwicklung von 3 zu 30 und 300 und mehr Programmen, dass sich nicht nur der Kalender irgendwann wiederholt, sondern auch das Fernsehprogramm. Darum hocke ich am Ende eines Jahres mit einer alten Fernsehzeitschrift täglich 20 Stunden vor dem magischen Kasten. Damit ich über das Vor-Vergangene informiert bin. Aber so richtig wissen werde ich es erst ... beim Jahresrückblick 2009.
Liebe Dortmunder und Dortmunderinnen aus Nord, Süd, Ost oder West, wir schreiben nun das Jahr 2009, oder aus der Sicht des chinesischen Kalenders, 2052. Heben wir das Glas, Frohes Neues, denn trotz Schaltjahrsekunde, Klimaerwärmung, weltweiter Rezession, Hunger, Mord und Tod, hat es die Erde wieder geschafft, einmal ganz um die Sonne zu kommen.
Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.
Foto: Roberto Tarallo

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