Was waren das für Zeiten, als noch Fettaugen in der Suppe schwammen und jeder satt und müde war und die Regierungen einfach nur regierten und subventionierten? Und was sind das jetzt für Zeiten nach Abschaffung des Protektionismus, der uns die Globalisierung brachte und nun eine hübsche Rezession?
[ruhr-guide] Es sind
schöne Zeiten: wir sind seit Jahren auf dem internationalen Parkett so erfolgreich wie es Ludwig der Vierzehnte war, aber wir sind mobil und weltweit vernetzt und kriegen leider unsere eigenen Fehler schneller mit als uns lieb ist. Darum muss auch schnell gehandelt werden und die Politiker schmeißen ein Rettungspaket nach dem anderen ins Wasser, Milliardenbeträge von denen man weiß, dass sie versacken, und von denen man hofft, sie würden den Meeresspiegel steigen lassen, bzw. den Dax.
Das Motto lautet heute: Kaufen gegen die Krise. Aber wie entsteht eine Wirtschaftskrise überhaupt? Zuerst haben oder bekommen die Leute zu viel Geld (steigende Kaufkraft = Prosperität), sie geben es leichtsinnig aus und leben über ihre Verhältnisse = Stagnation, Rezession. Nach den fetten, kommen die mageren Jahre. Früher lösten die Länder das Problem ganz einfach, sie führten Krieg und holten sich dort frisches Kapital. Und wenn es nicht möglich war, musste der Gürtel eben enger geschnallt werden. Selbst die Verlierer profitierten vom Krieg, denn was kaputt war, gehörte wieder angeschafft und nicht selten bauten gerade die Sieger das auf, was sie zerstört hatten.
Dummerweise habe ich bereits eine nette Wohnung, ein fahrbares Auto, einen funktionierenden Computer und was man sonst so braucht. Also werde ich weder meinen fünf Jahre alten Rechner, mein drei Jahre altes Handy oder mein Audi 80, Baujahr 1991, abgeben. Obwohl ich, täte ich es, reich werden würde. Sagen jedenfalls Kommerz und Staat. Für den Audi bekäme ich, staatlich garantiert, 2500 Euro. Bei Saturn, Media-Markt oder Berlet müsste ich verhandeln, aber ein Hunderter würde mein Rechner locker bringen. Und tauschte ich das Prepaid-Handy gegen ein Luxusmodell mit 24-monatiger Vertragszeit, würde man mir ein Laptop des unteren Preissegments, oder ein Navigationssystem der mittleren Preisklasse draufpacken. Nach Krisenmanagment sieht sie nicht gerade aus, diese Geschenkaktion.
Und der Wahn zieht weitere Kreise: Verschrottungsprämien für Küchen und Zahnersatz, das Konjunkturpaket von Praktika ... Null-Prozent-Finanzierung im Möbelmarkt, überall gibt es plötzlich sagenhafte Rabatte. Man könnte tatsächlich reich werden - müsste man nicht dauernd neues Zeug kaufen. Wie gefällt ihnen der Spruch: Nicht nur die Axt, auch der Baum hat Schuld?
Haben Sie ihrer Frau einen Kleinwagen zum Valentinstag geschenkt? Oder reichte es nur für einen welken Strauß Blumen von der Tanke? Waren Sie mit ihrer Gattin bei einem glamourösen Faschingsball? Oder sind Sie beim verregneten Karnevalsumzug auch nicht weiter als bis zur Münsterstraße gekommen? (Mit umgeklapptem Regenschirm) Schauen wir mal 30 Jahre zurück, ins Jahr 1979. Zu der Zeit stand Deutschland (West) mit 210 Milliarden Euro in der Kreide. Man debattierte im Bundestag über eine Neuverschuldung von 35,5 Milliarden D-Mark. Erinnern Sie sich an die beinahe legendäre Erläuterung des Franz Josef Strauß? Er verbildlichte diese Summe wie folgt (O-Ton): “Wenn man nur 1000-Mark-Scheine zugrunde legt, dann würde jeder Schein aufeinander gelegt, bis 35,5 Milliarden einen Berg von 3550 Meter ergeben, oder in 100-Mark-Scheinen einen Berg von 35 Kilometer Höhe (...) Dieser Berg übertrifft den höchsten deutschen Berg der Zugspitze noch erheblich, nämlich um das Vierfache der Höhe des Kölner Doms. Das reine Papiergewicht dieser Geldmenge beläuft sich auf zwei Millionen Achthunderttausend Kilogramm oder 2800 Tonnen. (...) Alleine in 1000-Mark-Scheinen befördert, würde man dazu 186 Waggons je 15 Tonnen brauchen, das sind mehr als drei Güterzüge mit der Höchstzahl von 120 Achsen.”
2007 betrug die deutsche Staatsverschuldung gut 1,5 Billionen Euro. Das macht, bei 82 Millionen Einwohnern, pro Kopf ca. 19.000 Euro. Heute würde der Berg, mit 50-Euro-Scheinen gestapelt, sicherlich bis zum Mond reichen.
Warum ist noch keiner auf die Idee gekommen eine Staatsinsolvenz zu beantragen wie sie privat längst möglich ist? Statt den Banken und Konzernen ihre Einfältigkeit mit Bürgschaften und Krediten zu versüßen, würde ich ein Pleitegesetz beim Staat (also bei uns) einführen und anwenden: Die übrig gebliebenen Krümel werden paritätisch verteilt, es folgen sechs magere Jahre, und dann: gut is.
Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.
Foto: Roberto Tarallo

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