Situation Kunst – eine organische Verflechtung der architektonischen Landschaft mit der Natur und Kunst, die die Grenzen aufhebt und die einzelnen Elemente miteinander verschmelzen lässt. Eine Metamorphose ganz eigener Art. Die Situation Kunst in Bochum-Weitmar bietet kein Kunstmuseum im herkömmlichen Sinn. Es sollen vor allem neue Perspektiven auf das Kunsterlebnis eröffnet werden, die durch einzigartige Raumerfahrungen und Ausstellungsexponate gefördert werden.
[ruhr-guide] Situation Kunst (für Max Imdahl) stellt ein Teil der
Kunstsammlungen der Ruhr-Universität dar, der Fokus der Dauerausstellung liegt auf den Objekten der Gegenwartskunst. Der erste Blick auf das auffällige Gebäudeensemble überrascht: Es erscheint wie ein Hochsicherheitstrakt mit dem Zaun, den schroffen Steinen und dem etwas verborgen situierten Hauptgebäude. Es handelt sich hierbei um ein Museum ganz besonderer Art. Die moderne Konzeption des Geländes, mit seinen vom Architekten Peter Forth erbauten Räumen und den von Künstlern gestalteten, so genannten Environments, wird von der grünen Parkanlage sowie den Ruinen des Haus Weitmar eingerahmt. Bemerkenswert dabei ist, dass schon intuitiv kein ästhetischer Widerspruch oder rezeptives Unbehagen aufkommt – die Situation Kunst scheint optimal in ihr Ambiente integriert zu sein.
Neugier und Offenheit als Grundeinstellung
Als Adressaten der Situation Kunst können sich alle angesprochen fühlen, die Neugier und Offenheit der Kunst- und Raumerfahrungen entgegen bringen. Wer allerdings einen Museumsshop oder ein Café sucht, wird erfolglos bleiben – Situation Kunst ist kein Museum im traditionellen Verständnis. Dies wird insbesondere durch die Raumkonzeption betont. Die zentralen Gebäude präsentieren die Arbeiten von amerikanischen
Künstlern wie David Rabinowitch, Richard Serra und Maria Nordman, aber auch europäische Gegenwartskunst von etwa Gotthard Graubner, Norbert Kricke, Arnulf Rainer und Jan J. Schoonhoven. Während für Graubner, Kricke, Rainer und Schoonhoven spezielle, ihre Werke unterstützende Räume geschaffen wurden, werden die Räume von Nordmann, Rabinowitch und Serra selbst zum Kunstwerk. Als Besucher steht man dann beispielsweise vor vier gigantischen Stahlplatten, Richard Serras "Circuit", die in dem beinahe quadratischen Raum von jeder Ecke auf die Raummitte zulaufen. Der Raum wird somit geteilt, aber auf die Art und Weise, die ganz neue und überraschende Raum- und Selbstwahrnehmungen schafft und ein innovatives Kunsterlebnis darbietet. Der Erweiterungsbau, die Situation Kunst II, liegt am Ende des von der wilden Blumenwiese gesäumten Weges im oberen Bereich des Grundstücks und beherbergt eine Präsenzbibliothek sowie einen Raum für Sonderausstellungen.
Einzigartig ist nicht nur die Präsentation der Kunstwerke, die in verschiedenen Gebäuden ohne Verweis auf einen Titel oder das Entstehungsjahr gezeigt werden, sondern auch die Symbiose von Natur und Architektur. Das Gelände der Situation Kunst kann als zweigeteilt bezeichnet werden: Der untere Bereich ruft die Assoziationen mit einer schroffen, schlichten Ödnis hervor, der obere dagegen kontrastiert mit der blühenden Vitalität. Die Landschaften sind ebenso nicht aneinander angepasst: unten ein kreisrundes Wasserbecken, oben ein Lichtquadrat. Was in diesem Fall
vermieden wird, ist das nahtlose Ineinander-Übergehen, es werden extra ästhetische Konflikte geschaffen, durch die erst die intensive Auseinandersetzung mit der Kunst stimulieren. Und genau das macht Situation Kunst so facettenreich – einerseits die nach außen getragene Harmonie und Souveränität der Anlage und andererseits zum Nachdenken anregende Brüche und Asymmetrien in den Landschaften.
Gegenwartskunst vs. Frühe Kulturepochen
Schon vor dem Betreten des Gebäudes findet der Betrachter auch im Außenraum Kunstsituationen, die durch gemauerte Säulen vom Naturraum abgegrenzt sind. Lee Ufans Arbeit "Relatum - Response (for Situation Kunst)" besteht beispielsweise aus 2 Stahlplatten sowie zwei Findlingen, von denen allerdings nur einer sichtbar gemacht wurde. Links vom neuen Gebäude ist ebenfalls ein natürliches Relikt ausgestellt: ein Ast der Süntelbuche aus dem Park von Haus Weitmar. Im Inneren heißt es dann Klotzen statt Kleckern. Empfangen wird der Besucher von jeweils einem Werk von Ad
Reinhardt und Robert Ryman, gelangt dann wiederum in einen sehr dunklen, beinahe meditativ beleuchteten Raum mit einer beachtlichen Sammlung ostasiatischer Kunst, um dann in einen Korridor mit zwei Neonskulpturen von Dan Flavin zu gelangen. Man kommt durch einen Raum wiederum mit Werken von Lee Ufan, um dann im Innenhof Richard Serras Skulptur "TOT" zu betrachten. Dem auch sehr abgedunkelten Raum mit afrikanischen Skulpturen folgen die "Room Squares", eine eindrucksvolle Licht-Raum-Installation von Gianni Colombo.Innen- und Außenraum wechseln sich ebenso ab wie der Sprung zwischen den Gattungen. Auf die Frage, wie denn die so genannten primitiven Stammeskünste mit den Werken der Moderne innerhalb der Situation Kunst zusammen zu verstehen sind, erklärt Alexander von Berswordt-Wallrabe: "Hier ist jeder Raum als Environment gedacht, die Atmosphäre als gemeinsame Sprache steht hier im Vordergrund."
Interdisziplinär und facettenreich
Ausbildung von Studierenden, Förderung von Gastprofessuren, Gespräche und Workshops, Veranstaltungen von thematischen Wechselausstellungen – da alles gehört zum vielseitigen Tätigkeitsspektrum von Situation Kunst. Aktuell ist man eingeladen, einer öffentlichen Ringvorlesung "Fotografie. Bild – Medium – Gebrauch"
beizuwohnen, die der die Kooperation zwischen dem kunstgeschichtlichen Institut der Ruhr-Universität Bochum und der Folgwang-Hochschule in Essen zu verdanken ist. Im Rahmen der Reihe "Positionen der modernen Fotografie …" werden parallel dazu im 4-wöchigem Rhythmus die Fotografie-Ausstellungen veranstaltet.
Nevelstr. 29c (im Parkgelände von Haus Weitmar)
44795 Bochum
0234-2988901
An jedem ersten Sonntag im Monat um 16 Uhr findet eine öffentliche Führung statt.
(yb), (sl)

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