In einer Zeitungsmeldung am letzten Tag des letzten Jahres stellte man fest, dass die Lottogesellschaft NRW 2009 insgesamt 27 Menschen in den Millionärsstand erhoben hat. Und für diese Menschen gilt, was Kanzlerin Merkel als Neujahrsansprache durch den Äther jagte: "Der Jahreswechsel ist die Zeit, einmal Wichtiges von Unwichtigem zu trennen ..."
[ruhr-guide] Wer vom Bauarbeiter zum Millionär avanciert,
könnte sich dem skurrilen Humor eines bekannten Werbespots bedienen: "Schatz, wir haben im Lotto gewonnen, pack schon mal die Koffer." Den Rest kennen Sie. Ob sich diesbezüglich die Gesellschaft für deutsche Sprache bei der Wahl zum Wort des Jahres beeinflussen ließ, ist nicht belegbar, sie schaut dem Volk nur aufs Maul; Platz Eins: Abwrackprämie.
Natürlich war der Höhepunkt im Dezember, neben Weihnachtsgans und Silvesterkater, das 100-jährige Jubiläum des BVB. Wer hätte am 19.12.1909 gedacht, als sich 18 "Abtrünnige" im Wildschütz trafen und den Ballspielverein Borussia 09 e.V. gründeten, dass 100 Jahre später ein knappes Dutzend Millionäre vor 70 000 bis 80 000 Tausend Zuschauern, mal schlecht, mal recht den Ball kicken, und manchmal sogar gute Arbeit verrichten?
Wie antiquiert wirkte da das Bestreben des geschassten Kaplan Dewald, der zusätzliche Andachten statt zu viel Fußball forderte und die Trinkgelage im Wildschütz unterbinden wollte. Immerhin, 1919 wurde die Trennung von Kirche und Staat in die Weimarer Reichsverfassung aufgenommen, und ist bis heute Bestandteil unseres Grundgesetzes. Darum geht es am Wochenende erst auf den Bolzplatz, später eventuell in die Kirche, auf jeden Fall in die Eckkneipe.
Und der Klimagipfel in Kopenhagen war, um es gelinde auszudrücken, ein unverbindliches Schnittchenessen und Sekttrinken der politischen High Society, denn, so sagte Umweltminister Röttgen vorab, "dass es nicht zu einem förmlichen Abschluss eines neuen Vertrages kommen wird, steht seit Wochen und Monaten fest." Ich nehme an, das Wetter war schuld, die Temperaturen dümpelten zwischen Plus- und Minusgraden Celsius, es konnte sich einfach nicht zwischen Regen und Schnee entscheiden. Vielleicht wäre Mallorca als Tagungsort eine Alternative gewesen? Wenn schon Erderwärmung, dann bitte spürbar - am Strand mit einem Eimer Sangria.
Wissen Sie, das Schönste am Ende eines Jahres ist doch die Neujahrsansprache, sie hat den Status eines "Dinner for one", jedes Mal dasselbe, und trotzdem lachen wir uns kaputt wenn der trottelige bzw. betrunkene Butler über den Tigerkopf stolpert. Irgendwo im Kanzleramt ist eine Phrasendreschmaschine versteckt. Und ein Faktenverzerrautomat. So sagte die Dame aus der Uckermark: "Deshalb steht für mich auch im kommenden Jahr an erster Stelle, Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen. Gerade hier ist Deutschland in den vergangenen drei Jahren gut vorangekommen. Es gibt heute mehr Erwerbstätige als je zuvor."
Tatsächlich? Bei ca. 3,3 Millionen Arbeitslosen plus denjenigen, die mit Zeitarbeitsverträgen auf ihre Kündigung warten? Da waren wir schon mal besser dran, in den 1960-er Jahren nannte man das Vollbeschäftigung.
"Auch die Sozialversicherungen sind stabiler geworden und die Staatsfinanzen solider."
Klar, mit der höchsten Staatsverschuldung seit Gründung der Bundesrepublik, nämlich
1.655.646.517.047 Euro. (02.01.2010.)
Als 1986 die Neujahrsrede von Helmut Kohl vertauscht wurde, die ARD sendeten einfach die alte Version des Vorjahres, ist es kaum einem aufgefallen, der Typ sah wie immer aus, geschniegelt und gebügelt und vollgestopft mit den Klassikern der Worthülsen. Und weil es damals so schön war, patzte diesmal der SWR, betroffen: Kurt Beck. Auf SWR1 war um 13 Uhr 05 jene Rede zu hören, die der Ministerpräsident ein Jahr zuvor gehalten hatte.
Auch wir ergeben uns der üblichen Wiederholung: Bleigießen, Böller und die Hoffnung darauf, dass es 2010 besser wird. Wie immer. Silvester besuchen wir den Friedhof der guten Vorsätze. Frohes Neues!
Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.
Foto: Roberto Tarallo

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