Meistens ist das Weltgeschehen eine rechteckige Sicht aus dem Flachbildschirm im beheizten Wohnzimmer. Da jagt eine Katastrophe die andere wegen der Einschaltquote, man nimmt eine Portion Anteil bis zur Werbepause. Meistens fallen die Randfiguren durch den Filter der Wahrnehmung, denn ob sie zum Rand gehören, ist nicht ihrer Entscheidung.
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Top-Thema der Medien im Januar: Das Erdbeben in Haiti. Für eine Schlagzeile wird die Wirklichkeit gerne tendenziös dargestellt. Haiti zählte schon immer zu den ärmsten Ländern dieser Welt: kolonisiert, gebeutelt und diktatorisch regiert, das hat uns jahrzehntelang nicht gekratzt. Schon vor diesem Erdbeben hätten keine paar 100 Millionen Dollar gereicht, um das Land auf, sagen wir, europäisches Niveau zu bringen, und heute bräuchte man mehr als eine Bermuda-Spendierhose. Die Randfiguren der haitianischen Katastrophe sind nicht die marodierenden Kriminellen oder das korrupte Staatssystem, nein, es sind jene schmutzigen, hungrigen Kinder, Frauen und Männer, die noch nicht von einem Fernsehsender aufgespürt und als "Zelluloid-Elend" der Welt präsentiert wurden. Aber der nächste Sommer kommt bestimmt, Frühbucherrabatte locken, und nebenan, also "Dom-Rep", stehen die Hoteliers Spalier und bieten "alles inklusive bis man platzt."
Dortmund wird zur Zeit ohne OB regiert, die Wahl wurde nach langem Hickhack gekippt und Ullrich Sierau hat sich P.R.-gemäß im Dachgeschoss des Rathauses ohne Amt und Würden verbarrikadiert. Vorläufig übernimmt Stadtdirektor Siegfried Pogadl die Geschäfte. Ist Herr Pogadl eine Figur am Rande? Nein, er hat eine exzellente Vita und engagiert sich seit über 40 Jahren in der Lokalpolitik mit Schwerpunkt Soziales. Aber wenn Sie jemanden auf dem Westenhellweg nach Siegfried Pogadl fragen, werden Sie öfter einem unwissenden Kopfschütteln begegnen. Weil der Mann seine Arbeit gut macht?
Eine Randfigur der Geschichte ist der Schauspieler Victor Sen Yung. Nie gehört? Er wurde 1915 geboren, landete durch Zufall beim damaligen Hollywood-Giganten 20th Century Fox, wo er als Nebendarsteller in der Detektivserie Charlie Chan spielte. Sein Tod 1980 war nur eine flüchtige Notiz wert. Eingefleischte Wildwestserien-Fans aber kennen ihn noch anders, denn wer "Bonanza" geschaut hat, erinnert sich auch an "Hop Sing", dem chinesischen Koch auf der "Ponderosa", der etwas verschroben und konfuzianisch daherkam und die Familie Cartwright kulinarisch versorgte.
Am 24. Januar starb Pernell Roberts, sozusagen der letzte Bonanza-Darsteller. Bonanza, eine Fernsehunterhaltung für den heiligen Sonntag, als es nur 3 Programme und größtenteils noch Schwarzweiß-Fernseher gab. Die Serie startete in den USA 1959, die ARD kaufte das Wildwest-Spektakel 1962 - und zog sich nach 13 Folgen "wegen zu großer Brutalität"(!) zurück. Beim ZDF war man eine Spur liberaler und geschäftstüchtiger, man wollte die alten Zöpfe der Nachkriegszeit peu a peu kürzen, und das Prinzip Gut gegen Böse mit Happyend ist bis heute fester Bestandteil der Unterhaltung, darum hatte die Serie bis zu ihrem Ende 1973 in deutschen Stuben so viel Erfolg. Zumal auch die hiesigen Filmemacher dem Weichspülerprinzip folgten. Leider erinnere ich mich an eine Episode, als Ganoven dem Koch Hop Sing seinen langen chinesischen Zopf abschnitten. Das war wirklich "brutal".
Was waren das für Typen, diese drei Brüder, der Vater ohne Frau und ein "Ausländerquoten-Koch"? Nun, sie bewirtschafteten die Ponderosa-Farm. Sie lag im Bundesstaat Nevada und irgendwo zwischen Nevada- und Carson-City, falls man dem Vorspann der abbrennende Landkarte Glauben schenken kann. Und dann ritten sie heran: Ben, Adam, Hoss und Little Joe. Man wusste schon zu Anfang, die bewältigen jedes Problem, die sind unsterblich. Schließlich hatte Vater Ben, laut Vorgeschichte, mit drei verschiedenen Frauen, die ihm der Reihe nach wegstarben, drei Söhne gezeugt und war nun ein verwitweter großer Viehbaron - loyal und gerecht. Darum kamen er und seine Söhne 14 Jahre und 430 Folgen lang beinahe ohne Frau aus. Frauen waren schmucke Beiwerke, Randfiguren.
Sicher, der jüngste, Heißsporn Little Joe, prügelte sich öfter in den Straßen und Salons der Gegend, er kämpfte auch gegen seine Libido und wollte mehrmals eine Dame vor den Traualtar schleppen, doch die Drehbuchautoren von Warner Brothers hatten mit Sex wenig am Hut - im Skript, wohlgemerkt.
Auch Hop Sing, diese Randfigur, musste sein Dasein in sexueller Askese verbringen. Obwohl Konfuzius sagte: "Ach, es bleibt dabei: Ich habe noch keinen Mann gesehen, dem die Tugend wichtiger gewesen wäre, als Sex."
Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.
Foto: Roberto Tarallo

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