Wenn Sie die letzten vier Wochen Revue passieren lassen, woran denken Sie am liebsten? Jetzt sagen Sie nicht Haiti, dort ist das Elend medial beinahe abgegrast und demzufolge fürs Langzeitgedächtnis untauglich. Hat ihnen vielleicht das Wetter zugesetzt, die Kirche, der Karneval oder das schweizerische Bankgeheimnis?
[ruhr-guide] Immer nach dem jecken Rosenmontag
folgt der politische Aschermittwoch, also die Büttenreden unserer Volksvertreter: “Deutschland wie es schimpft und lästert”. (SPIEGEL online) Man kann diese Parteiveranstaltungen auch Kabinettstückchen in Katerstimmung nennen - irgendein Hoppeditz wird immer beerdigt - doch im Gegensatz zum Kabarettisten, der Fettnäpfchen auslegt, stolpert der Politiker gerne rein.
Wie zum Beispiel Jürgen Rüttgers: Kommandeur der Ehrenlegion, ausgezeichnet mit dem Großkreuz des Verdienstordens Pro Merito Melitensi und dem Orden “Wider den tierischen Ernst”. Ach ja, Rüttgers ist auch Ministerpräsident von NRW.Bleiben wir ein bisschen bei unserem Landesvater. Als NRW-Chef hat er dem Ankauf der Daten-CD zugestimmt, auf der mutmaßliche Steuersünder verzeichnet sein sollen die keine Lust hatten, gut die Hälfte ihrer Einnahmen dem Staat zu hinterlassen. Dem Effekt sei Dank, hagelt es nun Selbstanzeigen von Bürger/Innen die Vorsorge treffen wollen und mehr fürchten als einen legalen Nachzahlungsbescheid des Finanzamtes. Der Vorwurf über Rüttgers` Käuflichkeit rückt deswegen ein bisschen in den Hintergrund, Jürgen dementiert wie es sich gehört und schlachtet das Bauernopfer Hendrik Wüst, seinerzeit Generalsekretär, bzw. die längst Zeit gewesen, obwohl die Gesprächsbereitschaft der CDU-Politiker gegen Honorar seit 2004 anscheinend Praxis ist.
Unter Alt-Kanzler Helmut Kohl wurde das System der so genannten schwarzen Kasse jahrelang perfektioniert, ausgebaut und verschleiert, niemand dachte an Konsequenzen oder gar an Strafverfolgung, und heute ist das Thema gegessen. Genauer, es ist vergessen. Wenn Sie ein Schlupfloch im Gesetz erkennen, dass ihnen Vorteile bringt, greifen Sie erst mal zu. Wird ein Loch geschlossen, ist es wie mit der Laborratte im Labyrinth, man sucht und findet ein neues. Und wer macht die Gesetze? Laut altem Testament, Mose 6, 1982-1998, zitiere ich: “Wenn der Spender nicht zur Partei kommt, muss der Berg zum Propheten.”
Apropos Religion, die katholische Kirche debattiert endlich und öffentlich das Problem des sexuellen Missbrauchs, ein Problem das Jahrhunderte auf dem Buckel hat und bis heute nicht effizient bekämpft werden konnte. Die evangelische Kirche, respektive Frau Margot Käßmann ... na ja, zum falschen Zeitpunkt ein Schluck zuviel, dumm gelaufen. Das sind zwei gänzlich verschiedene Verfehlungen mit unterschiedlichem Tatbestand, nämlich Vorsatz oder Fahrlässigkeit.
Liebe Frau Käßmann: Ich kenn mich da nicht so aus mit der Kirche im allgemeinen und den Statuten besonders, aber als Sie nächtens eine Telefonkonferrenz einberiefen und der Kirchenrat ihnen vollste Rückendeckung zusagte war klar, wie Sie sich entscheiden mussten. Schade. Herr Rüttgers weiß von nichts und schmeißt seinen Generalsekretär raus. Im Mai steht seine Wiederwahl an. Sie wurden letztes Jahr gerade erst zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt. Ihr eigenes Bauernopfer, nämlich Sie selbst, ist völlig überzogen. Meine besten Grüße.
Die Diskussion über einen “Saufraum” am Dortmunder Nordmarkt hat zu einem Ergebnis geführt, er ist Dank CDU, FDP, Grünen und Bürgerliste beschlossene Sache und soll in einem zweijährigen Modellversuch erprobt werden. Allerdings ohne Zustimmung der “Sozial”demokratischen Partei, denn die findet wohl, es gebe rings um den Borsigplatz genug Kneipen, warum Steuergelder verschwenden? Doch für ein symbolträchtiges Relikt Dortmunder Trinkkultur, nämlich das “goldene U”, wird gerne was draufgelegt, 7,5 Millionen Euro; mit dem Geld kann man eine Menge alkoholabhängige Politiker in eine Langzeitkur stecken. Prost, Genossen!
Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.
Foto: Roberto Tarallo

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