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Kolumne März 2010

Jeder hat es im Leben schon mal getan, natürlich ab einem gewissen Alter, einige mehrmals, andere so oft, dass man beim Zählen durcheinander gerät. Manche Menschen haben sogar Spaß daran, aber das müssen Masochisten sein, und ich rede nicht von der Upperclass.


[ruhr-guide] Reisen ist ein anderes Thema, das tun wir Deutschen fürs Leben gerne, man bucht pauschal und schaut sich fremde Länder und Kulturen an, kopfschüttelnd oder augenzwinkernd, meckert ein bisschen, denn zu meckern gibt es immer was, um dann zu resümieren: Daheim ist es doch am schönsten. Daheim bedeutet für Menschen meines Schlages bestenfalls eine annehmbare Stadt mit Straßen, in den Straßen akzeptable Häuser und in den Häusern schmucke Wohnungen zur Miete.

Womit wir beim eigentlichen Thema wären. Der Durchschnittsmensch verbringt mindestens die Hälfte eines Tages hinter seinen vier Wänden, oder noch länger: im Bett, auf der Couch vor dem Fernseher, am Schreibtisch vor dem Computer, in der Küche, im Bastelkeller. Und da will man es gemütlich haben, was bei einer Umfrage von 100 Baumarktkunden 99 bestätigen können. Wie viel unnötige Dinge sich im Laufe der Jahre ansammeln, merken sie erst beim nächsten Umzug.

Nun, ich bin umgezogen. Habe das Dutzend vollgemacht. Habe in 23-qm-Appartements bis hin zu 5-Zimmer-Wohnungen gelebt. Mal alleine, mal mit anderen. Dauernd stand ich vor der Frage, wie viel Plunder benötige ich? Und glauben Sie mir, ich bin kein Deut schlauer geworden. Was ich als Befreiungsschlag dem Sperrmüll überließ, fand ich nach wenigen Monaten in der anderen Wohnung als Neuware wieder.

Die Vorbereitung eines Umzugs ist eher ein schleichender Prozess, für gewöhnlich hat man drei Monate Zeit mit der Frage, wohin, wie teuer, wie groß. Aber dann beginnt der Stress! Wer wie ich nur geizige und faule Bekannte hat, und seine wenigen Freunde behalten und diesem Stress nicht aussetzen will, entscheidet sich entweder für eines der scheinbar unschlagbar günstigen Angebote der Umzugsmafia: LKW, 4 Mann, 4 Stunden, 160 Euro! Oder er geht den sicheren Weg über ein renommiertes Unternehmen.

Da ich stressige körperliche Betätigungen als Minderung meiner Lebensqualität sehe und lieber der Faulheit fröne, vorsichtig agiere sowie das Wort Geiz aus meinem Wortschatz gestrichen habe, weswegen ich permanent pleite bin, übertrug ich die Arbeit einer Dortmunder Firma. Fein, könnte man sagen. Und viel zu schleppen war`s auch nicht, schlappe 75 Kartons, ein paar Regale, den heißgeliebten Schreibtisch, die Ottomane, 4 Stühle, ein Küchentisch. Was ich sonst als Einrichtung benötigte, bzw. als notwendig betrachtete, lieferten mir "Roller, Neckermann, Otto, Ikea, HSE24 - ich seh schoppen, Bader" und "Matratze-Marquardt". Dummerweise wurde mein Budget dadurch soweit ins Debetsaldo gedrückt, dass ich mir den Aufbauservice nicht mehr leisten konnte.

Jetzt sind die neuen vier Wände eine Lagerstätte. Marquardts 7-Zonen-Kaltschaummatratze liegt auf dem Boden. Umringt von blauen Müllsäcken mit Wäsche. Ich habe 3 Kartons als Tisch neben die Ottomane gestellt. Der Raum, der mal die Küche werden soll, ist vollgepackt mit einzelnen Bauteilen, die mal die Kücheneinrichtung werden soll. Das Kaffeewasser hole ich mir morgens aus der Dusche. Ich esse auswärts. Der Telefonanschluss ist noch nicht freigeschaltet. Meine Korrespondenz erledige ich im Internetcafe. Gott sei Dank lässt der Sommer auf sich warten, bislang kühlt der Keller mein Bier. Ich muss, wie vor 30 Jahren, wieder zum Waschsalon. Aber es gibt kein Grund zum jammern, wäre ich in Haiti geboren, wäre mein Schicksal ein ganz anderes.

Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.

Foto: Roberto Tarallo





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