Der Satz, "Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah", hat für Heimatverliebte sicherlich eine große Bedeutung, und als Goethe ihn verfasste, brauchte man von Frankfurt nach Weimar einige Tage mit der Postkutsche. Heute fliegen wir in dieser Zeit mehrmals rund um den Globus.
[ruhr-guide] Das Ende der
15. Kalenderwoche war beinahe das komplette Ende des europäischen Flugbetriebes. Der Himmel war so leer wie im 18. Jahrhundert. Ein isländischer Vulkan, dessen Name für ungeübte Zungen schwer auszusprechen ist, machte Furore und spuckte Asche in die Luft. Wollte sich der Berg an den weltweit agierenden Finanzjongleuren rächen, die dem Staat den Fast-Bankrott beschert hatten? Die BILD-Zeitung jedenfalls stellte noch hanebüchenere Theorien auf eine ganze Seite, wiewohl sie das Thema täglich so sehr dramatisierte, dass es auch nach einem Drama klang. Dabei durften viele Reisende ihren Urlaub auf Kosten der Fluggesellschaften verlängern, und Kanzlerin Merkel kam in den Genuss einer Busfahrt von Italien nach Berlin. "Kaffeefahrt", scherzte sie, nur eine teure Heizdecke wurde ihr nicht angeboten.
Erinnern Sie sich an den Witz über unseren ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher? Begegnen sich zwei Flugzeuge - in beiden sitzt Genscher. Der Vielflieger, dem es Herrn Westerwelle gleichzutun pflegt, allerdings mit eher privater Entourage, brachte den Politikern das Reisen via Flugzeug erst so richtig in Mode, und dann, eher schleichend, wurde das Fliegen auch für den "kleinen Mann" erschwinglich. Das Ticket in ein fernes Land kostete gerade mal einen Monatslohn, New York zum Beispiel, erreichte man schneller als eine 8-Stunden-Schicht bei Hoesch dauerte. Und heute? Heute nimmt man nicht mehr den Bus und das Schiff um auf "Malle" zu saufen oder um sich ein Wochenende lang in London die Füße zu vertreten. Für 29,99 Euro, ohne Steuern, Gebühren, Kerosin- und Toilettenzuschlag, kommt man in jede europäische Metropole.
Mobilität ist eine feine Sache, solange sie einem zweckmäßigen Sinn dient. Aber man kann es auch übertreiben. Mobilität bedeutet Beweglichkeit. Darum raten Ärzte den Urlaubern bei Langstreckenflügen Stützstrümpfe zu tragen, weil man sich in einem vollbesetzten Touristenbomber so gut die Beine vertreten kann und wegen der Kühlschranktemperaturen Decken bekommt, damit man nicht schwitzt. Aber das ist längst nicht alles, meine Damen und Herren, heute fliegen nicht nur Menschen durch die Gegend, nein, es werden auch lebensnotwendige Dinge transportiert: Trüffel aus Australien, Zierfische aus Japan, Mangos aus Thailand. Nur die Tulpen kommen weiterhin mit dem LKW aus Amsterdam.
Mobilitätsgau
Als die USA nach dem Attentat des 11. Septembers 2001 den kompletten amerikanischen Luftraum gesperrt hatten, bemerkte ein Luftforscher der University of Illinois, er habe in Chicago noch nie so saubere Luft gemessen wie in diesen Tagen. Doch es ist nicht die verschmutzte Atmosphäre die uns zu schaffen macht, es ist unsere Mobilität bzw. der GAU, wenn sie statisch wird. Wo sind die Ideale eines anderen ehemaligen Außenministers, der jung und forsch gegen die Frankfurter Startbahn-West demonstriert hatte und heute, so wie Sie vermutlich beim Italiener um die Ecke essen gehen, kurz nach New Jersey jettet, um seine Beraterfirma Joschka-Fischer-Consulting in ein grünes Licht zu rücken?Reisen ist eine feine Sache, davon können wir Deutsche als Weltmeister dieser Disziplin ein Lied singen. Ich reise selber gerne und wiederhole mich, weil es so schön ist. Auch Goethe reiste gerne - Leipzig, Straßburg, Weimar, Wetzlar etc., kam gar bis in die Schweiz, aber nicht weiter als nach Italien. Alexander von Humboldt durchquerte beinahe alle Kontinente, und wenn für den einen die Fahrt nach Rom schon beschwerlich war, so bedeuteten dem anderen seine Expeditionen sicherlich Strapazen. Und was haben uns die beiden hinterlassen? Feinste Literatur und exzellente wissenschaftliche Abhandlungen. Ohne Flugzeug. Und wie schrieb Goethe: "Man reist nicht nur um anzukommen, sondern vor allem, um unterwegs zu sein." Das war`s. Bin in Eile. Um 12 Uhr 36 geht mein Flug nach Athen. Die Griechen brauchen meine finanzielle Unterstützung.
Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.
Foto: Roberto Tarallo

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