Wie sagt Fritz Eckenga wöchentlich Mittwoch auf WDR2: "Die Welt ist ein Dorf, sie passt in jedes Fußballstadion." Es wäre sträflich ignorant, würde ich trotz der offenen Lage den jetzigen Stand der Dinge in Südafrika nicht kommentieren, als Fußballmuffel, weil Deutschland noch ein Sommermärchen ist, das Wetter schön, die Laune gut. Bis Samstag?
[ruhr-guide] Der Eklat
um Schiedsrichter Jorge Larrionda, hauptberuflich Buchmacher und nebenbei Papageienzüchter, zeigt, wie weit Spekulationen gehen können. Kurz vor dem Spiel England gegen Deutschland las ich in einem Forum: "Generell habe ich bei Jorge Larrionda ein recht gutes Gefühl. Egal wer das Spiel verliert, am Schiedsrichter wird es am Ende nicht gelegen haben." (Oli)
Ähnlich hat FDP-Chef Westerwelle gedacht, als er vor der Wahl die Absenkung der Mehrwertsteuer fürs Hotelgewerbe erklärte, neben anderen großartigen Steuerermäßigungen, und nach der Wahl dieses Versprechen/Peanuts per Gesetz erlassen wurde. Doch nun lehnen sich ein Teil seiner Mannen gegen den "Trainer" auf, das kann böse enden, wie das Beispiel der französischen Nationalmannschaft gezeigt hat: Coach Raymond Domenech gefeuert, der Funktionär Jean-Louis Valentin tritt zurück, die Mannschaft verliert 2:1 gegen Südafrika und schlürft längst Café au lait auf der Champs-Élysées.
Argentiniens Messi ist der Schrecken aller Torwarte, obwohl er bislang noch kein Tor erzielt hat, Thomas Müller, quasi Debütant der A-Nationalelf, traf bereits dreimal. Da ist genug Platz für Mutmaßungen bis weit in die Tiefe des gegnerischen Raumes, und Samstag dauert das Spiel nicht zwingend nur 90 Minuten, aber der Ball wird weiterhin rund sein, egal aus welchem Tornetz man ihn holt, wie es Sepp Herberger formulierte. "Die Welt ist ein Dorf, sie passt ins Schloss Bellevue", könnte man meinen, denn zuletzt irrte "Super-Horst" Köhler durch die 57 Zimmer und fauchte seine Mitarbeiter/Innen an: "Ist keiner in der Lage mir eine vernünftige Rede zu schreiben?" Heraus kam das missglückte Statement über den Kriegseinsatz deutscher Soldaten in Afghanistan - missglückt deshalb, weil er Recht hatte und keiner es hören wollte. Wenn afghanische Taliban auf deutsche Soldaten schießen, und umgekehrt, ist das kein offensives Foul, sondern eine kriegerische Auseinandersetzung. Horst Köhler tat das einzig Falsche, er schmiss die Brocken hin. Denn eine Bundespräsidentenwahl ist nicht billig, da wird einen ganzen Tag lang der Reichstag in Berlin blockiert - als hätte die Regierung nichts besseres zu tun. Allerdings, RTL unterbricht einen guter Spielfilm auch alle 10 Minuten mit Werbung.
In der Heimat
Im heimischen "NRW-Stadion" sieht es nicht anders aus, die SPD unter Frau Kraft und die Grünen haben sich dazu entschlossen, eine Minderheitsregierung zu bilden. Sie wollen mit "10 Mann" spielen. Ob sie "90 Minuten" durchhalten ohne zu verlieren kann man ruhig anzweifeln, selbst wenn Rot-Grün in der Bildungspolitik "ein Tor schießt". Das hat sogar Lothar Matthäus erkannt: "Es ist wichtig, dass man neunzig Minuten mit voller Konzentration an das nächste Spiel denkt." Jürgen Rüttgers steht “Abseits”, vorläufig, bis sich die Wogen geglättet haben, um dann, das können Sie mir glauben, als neuer “Mittelfeldspieler” auf Bundesebene anzutreten.Unser neuer Bundespräsident heißt Christian Wulff. Im ersten Wahlgang bekam er 600 der 623 benötigten Stimmen, im zweiten 615, und zum dritten Urnengang, als gar das Büffet von Norbert Lammert eröffnet wurde, ein milde zu wertender Verstoß der Geschäftsordnung, er hat "den Ball gespielt", weil sich die Wahlvertreter seit High Noon hungrig gewählten hatten, reichte Wulff die einfache Mehrheit: doch für ihn stimmten gar 625!!!
Es war der 30. Juni, ein sonniger und der erste fußballfreie Tag dieser WM, darum gaben sich die Damen und Herren der Bundesversammlung lässig und beschäftigten sich 9 Stunden lang mit parteipolitischem Geplänkel, jeder wollte jedem eins auswischen, linker Flügel, rechte Seite, Mittelfeld, ein bisschen Enthaltung, ganz im Sinne der Équipe Tricolore. Geschlossenenheit, wie es Jürgen Löw von seinen Mannen fordert, diese Einigkeit war zwischen Union und FDP nicht zu sehen, erst beim dritten Wahlgang.
Ob Abweichler und Stimmenthalter von Schnittchen und Kaviar beeinflusst wurden, ob ein Paar Stimmen von "Die Linke" rüberrückten, oder weil es nur langweilige Politreportagen und kein Fußball im TV zu sehen gab und sie keine Lust auf ein Pizza-Taxi hatten, frei nach Eckengas Worten: "In der Halbzeit kannste darüber nachdenken. 15 Minuten. Das schaffst Du schon."
Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.
Foto: Roberto Tarallo

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