Während sich das Sommerloch mit Feuer, Wasser oder Eis füllte, je nachdem welchen Landstrich und welches Elend man auf dem Globus betrachtete, noch vor dem Bundesligastart und bevor BB-Vorstand Thilo Sarrazin im Felde seiner Buchveröffentlichung kräftig polemisierte, kam die "schlechte" Nachricht mal wieder aus den U.S.A.: Google. Straßengucken. Das gläserne Haus.
[ruhr-guide] Street View.
Ein Begriff, der neben public viewing und Dank Google, gute Chancen hat sich im Sprachgebrauch einzunisten. Google ist ein Werbe- und Dienstleistungsunternehmen, es verkauft uns das Programm als 3-D-Stadtplan und sagt dazu: "Street View enthält Fotos, die dem entsprechen, was jedermann auf der Straße sehen kann. Die Fotos werden ausschließlich an öffentlichen, frei zugänglichen Orten angefertigt (...)" Wem glauben Sie mehr, Google oder einem Politiker?
Wer einen Falk-Plan weder richtig falten noch lesen kann, wer ein billiges Navigationsgerät für die unterste Stufe der technischen Entwicklung hält, und wer, wie die BILD, eine dreidimensionale Betrachtung für eine bessere Wahrheit hält, den dürfte das Straßengucken mehr interessieren als stören. Wie sensibel sind die dabei erfassten Bilder und Daten? Nun, holen Sie 50 Euro vom Geldautomaten ab, das erfahren mehr Menschen als Sie persönlich kennen. Übrigens, was Google hier auf die Beine stellt, hat die Firma Panogate längst realisiert, schauen Sie mal rein.
Kürzlich schickte mir ein Freund drei Schnappschüsse aus Hamburg, geknipst mit seiner neuen Discount-Digitalkamera und der nötigen Brennschärfe: Flanieren an der Alster, Saufen auf der Reeperbahn, Shopping in Bergedorf. Und da ich nicht sein einziger Freund bin - vielmehr ist, wie er sagt, die halbe Welt sein Freund, versendete er die Bilder zuerst per SMS, dann via E-Mail, und später entdeckte ich diese kompromittierenden Photos auf Facebook und seiner Homepage. Alle hätten sich darüber gefreut, sagt er. Tja, die Vernetzung entwickelt Dynamik; die Geister, die ich rief.
Duisburg, dort wo man sich gerade bemüht mit Hilfe von Videoaufnahmen das Desaster der Love-Parade zu analysieren, verfügt schon seit 4 Jahren über ein digitales Informationssystem - es heißt zwar nicht Street View, funktioniert aber ähnlich. Darüber hat sich bislang keiner aufgeregt, erstens aus Unkenntnis, zweitens, so die Reaktion des Rathauses, weil es nur für verwaltungsinterne Zwecke benutzt werde und keinesfalls öffentlich sei.
Meine lieben Hausbesitzer/Innen, Sie haben mein volles Verständnis. Sie hätten gar mein "vollstes" Verständnis, wenn es grammatikalisch ginge. Aber mal im Ernst, welche Daten sind nicht erfasst, gespeichert und katalogisiert? Ist es nicht egal, ob 10 Menschen ihre ungepixelte Hausfront betrachten oder ein Schwarm japanischer Touristen mit Nokia-Teleobjektiven? Andernorts, bis in die Tiefen Westeuropas hinein, von London bis Nizza, es darf auch Cannes sein, googlen sich die Menschen die Finger wund um zu erfahren, wie das Fish&Chips-Restaurant an der Themse aussieht, die Absinth-Bar im Herzen Barcelonas oder der Piazza del Duomo, wo man das Liebchen aus Mailand traf.
Geben Sie Pixelfreiheit, Sire!
Und meine lieben Datenschützer/Innen, sind Sie überhaupt noch Herr der Lage? Der CC-Club Hamburg weiß längst, dass digitale Archive existieren die ungefragt Webseiten speichern, und zwar auch jene, die längst aus der virtuellen Welt verschwunden sind, quasi eine neue Form der Internetarchäologie. Siehe: www.archive.org
Jede Fahrt mit der Wuppertaler Schwebebahn ist wie Big Brother, da schaut man den Menschen zwischen Oberbarmen und Vohwinkel beim Leben zu, vorausgesetzt, es hängen transparente, bzw. gar keine Gardinen vor den Fenstern, und bereits in den 70er Jahren faszinierten mich diese Panorama-Wohnzimmerfenster der Niederländer, wo Licht und Blicke reinfallen konnten, die so maches tete a tete, ein Hanfgewächs oder schlimmeres offenbarten.
Herr Sarrazin (SPD), seines Zeichens Mitglied im Vorstand der Bundesbank, hat ein Buch geschrieben. "Deutschland schafft sich ab." Und wie für jeden üblich, der etwas verkaufen will, sollte die Gewinnmarge höher sein als ein Imageverlust. Any publicity is good publicity. Richtig, jede Werbung ist gute Werbung, das steigert die Auflage. Deutschland schafft sich nicht selbst ab, und das Land braucht keinen, der es abschafft. Wären Sie, wie anno dazumal der berüchtigte Marquis de Sade und gerade im Gefängnis, könnte ich ihre Strategie nachvollziehen, aber wer das Geld des Staates hütet, sollte selber genug haben und eben deshalb auf Polemik verzichten. Schreiben Sie doch ein sachliches Buch. Und wenn Sie nicht wissen wie das geht, fragen Sie ihren Parteikollegen Helmut Schmidt.
Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.
Foto: Roberto Tarallo

Home