Der Staat bittet zum Aderlass, denn Sparen bedeutet ihm nicht, weniger Geld auszugeben, sondern mehr Geld einzunehmen, und welche bizarren Ideen mittlerweile zu konkreten Steuererhebungen mutierten, zeigt der Einfallsreichtum vieler Haushaltspolitiker.
[ruhr-guide] "Einem nackten
Mann kann man nicht in die Tasche greifen," heißt es im Volksmund. Oh doch, denn die Stadt Essen hat eine Bräunungssteuer eingeführt, 20 Euro pro Sonnenbank und Monat. Es sei dahingestellt, ob ältere Modelle im Gegenzug länger betrieben werden dürfen, auch wenn sie Hautkrebs verursachen. Der bekleideten Atomlobby jedenfalls lässt man diesen Spielraum, und unser Finzanz-Lügenbaron Herr Schäuble sagt gerne das, was ihm besser passt, nämlich vor 2 Wochen, es werde keine Mehrbelastungen geben, und eine Woche drauf: "Mit dieser Frage muss ich Sie bis zum Wochenende allein lassen." Warum nur bis zum Wochenende, warum nicht ganz und komplett und auf Nimmerwiedersehen?
Dass wir für Genuss und Luxus dem Staat etwas abgeben, ist hinlänglich bekannt, siehe Alkohol, Tabak und Glücksspiel, und der Gedanke an eine Sexsteuer ist so alt wie das Gewerbe selbst, doch nun bittet die Stadt Oberhausen Bordelle und Clubs zur Kasse: 6 Euro für jede Dame und jeden Tag, begrenzt auf 25 Arbeitstage. Na ja, ein Zuhälter nimmt mehr. Dortmund hätte gerne 15 Euro von den Frauen am Ravensburger-Straßenstrich, denn der ist, wie Stüdemann sagt: " ... schon ein ziemlich breit aufgestellter Standort." 600 000 Euro Mehreinnahmen sind kalkuliert. "Konsolidierungspotenziale sollten voll ausgeschöpft werden." (O-Ton Bollermann)
Lachen Sie bitte nicht, sogar eine Pferdesteuer ist mancherorts im Gespräch, sowie eine "Blaulicht-Abgabe", wie sie in Österreich längst Praxis ist, dann dürfte die Polizei bei Verkehrsunfällen, die auf Sachschäden begrenzt sind, "Einsatzgeld" verlangen. Futuristisch könnte es mal so aussehen: Sie werden geblitzt. Das macht bei 10 km/h Überschreitung 15 Euro. Plus dem Arbeitsaufwand zweier Polizisten, der Benutzung einer "Radarpistole", plus Mehraufwand für Verpflegung vor Ort, sagen wir 30 Euro? Und um auf den Hund zu kommen, haben die Mitarbeiter/Innen des Kölner Kassenamts sogar die Lizenz zum Bellen, es ist ihnen erlaubt, Bell- und Knurrgeräusche an den Haustüren ihrer Kunden abzugeben. Und wehe, da antwortet ein Vierbeiner, der nicht gemeldet ist.
Damit nicht genug, auch die EU denkt daran, den Brüsseler Krake zu füttern, sie hält längst Ausschau, wo sie europaweit abkassieren kann. Dabei zahlt Deutschland schon durch seine Haftungsübernahme im Sinne der EU-Richtlinien, nämlich höhere Zinsen für seine Schulden. Ich muss mich korrigieren, nicht Deutschland blecht, das wäre zu einfach, jeder steuerpflichtige Bürger/Inn löhnt. Wie wäre es denn mit einer E-Mail- und SMS-Steuer? Der französische Europaabgeordnete Alain Lamassoure findet, dass auch Kleinvieh Mist macht, bzw. hält er 1,5 Cent pro SMS für "Peanuts", aber "wenn man an die Milliarden von täglichen Transaktionen denkt, könnte das enorme Einnahmen bringen."
Wie man die Menschen früher schröpfte, zeigen folgende Beispiele: Peter der Große, seines Zeichens Zar von Russland, hatte etwas gegen lange Bärte, und wer den Frisör mied, musste zahlen. Und wer keine Kupfermünze als Steuermarke bei sich trug, wurde öffentlich rasiert.
Herzog Karl Eugen von Württemberg erhob eine Spatzensteuer. Ich nehme an, die Vogelscheuche war noch nicht erfunden. Um die herzoglichen Felder zu schützen, musste jeder Bauer 12 Spatzen abliefern, lebendig, und wer es versäumte, wurde zur Kasse gebeten.
Und was sich die Teenager unserer Zeit überhaupt nicht vorstellen können, wurde zu Beginn des 18. Jahrhundert praktiziert: Die Jungfernsteuer. Der Gedanke lag darin, junge Frauen möglichst schnell zu verheiraten. Bis zur Hochzeit und vor dem ersten Sex kostete es zwei Groschen pro Monat. (Die umgekehrte Variante!)
Aber so richtig neuzeitlich kurios wird`s, wenn man skurrile Verbote beschließt, die ebenfalls Mehreinnahmen versprechen, beispielsweise in Italien: Da existieren über 150 örtliche Anordnungen, die selbst der Italiener nicht kennt, weil sie so abstrus sind. Eisessen in Trapani? Sandburgen bauen am Strand der venezianischen Stadt Eraclea? Auf Capri mit Holzlatschen klappern und in San Remo mit Prostituierten sprechen? Alles verboten. Am Dante-Strand nahe Ravenna darf man sich die ersten 200 Meter nicht hinlegen. Die ligurische Stadt Lerici bestraft, wer im Badeanzug durch die Straße geht oder seine nassen Handtücher auf den Balkon hängt. Schlussendlich eine Salve gegen alle Autofahrer: New York City hat dem Verkehr ein Hupverbot auferlegt, Shanghai ebenfalls, und während es die Chinesen rigoros ahnden, wobei die Schmerzgrenze mit 200 Yuan (22 Euro) im Portemonnaie liegt, pfeifen, bzw. hupen die Amis drauf. Und wenn Sie nun sagen, da kann man ja gleich das Luftatmen besteuern, tja, das zahlen Sie längst in Form der Kurtaxe. Oder als Raucher. Ich wünsche ihnen einen sonnigen Oktober.
Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.
Foto: Roberto Tarallo

Home