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Kolumne Oktober 2010

Es war ein langweiliger Monat, keine wirklichen Reißer für die Medien, abgesehen von nichtigen Begebenheiten am Rande. Ein bisschen politisches Geplänkel auf der einen Seite, zeitgemäß bis zum Abwinken, und den Rest der Unstimmigkeiten lieferte der Fernseher ins beheizte Wohnzimmer.


[ruhr-guide] Es kann aber Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmundauch sein, dass ich den goldenen Oktober aus persönlichen Gründen gar nicht richtig wahrnahm, denn täglich passiert etwas, und manches bedarf zur Erklärung einer näheren Vertiefung, andere Ereignisse geschehen einfach. O.K., wie wär`s mit Stuttgart 21, Heiner Geißlers Bahnhofsmission? Manchmal gehen auch die Befürworter eines Projekts, einer Sache auf die Straße, wer hätte das gedacht, sind Demonstrationen nicht der Ausdruck dessen, was man auf keinen Fall haben will? (Atomkraftwerke, Startbahn West, höhere Steuern, neue Gesetze, etc.) Am Ende der zweiten Schlichtungsrunde jedenfalls herrscht Einigkeit darüber, dass man in keinem einzigen Punkt der Verhandlungen Annäherung erfahren hat: Ob bei der Frage des wirtschaftlichen Nutzens, dem künftigen Fahrplan, den prognostizierten Fahrgastzahlen, der ICE-Verbindung an den Flughafen, der geplanten „Wendlinger Kurve“ oder beim Ring um den Hauptbahnhof – Herr Geißler wird noch viel philosophieren müssen. Wenn Stuttgart gegen einen milliardenschweren Megabahnhof ist, fein, dann soll die Deutsche Bahn die Bagger und Abrissbirnen nach Dortmund schicken, hier gibt es eine Menge zu tun.

Die Deutsche Bahn kriegt den Strom billiger, als Großunternehmen kauft sie generell günstiger ein als der Otto-Normalverbraucher, und E.ON, RWE und EnBW verzeichneten im Krisenjahr 2009 Rekordgewinne: 23 Milliarden. (Laut einer Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft/Saarland) Warum? Weil sich die großen Stromversorger unseren Kuchen untereinander aufteilen. Weil wir den Kuchen bezahlen, und nicht eine Bank, obwohl wir die, wenn sie Pleite ist, auch abzahlen müssen.

Nachdem Frau Dr. Merkel und Co. den Ausstieg aus dem Atomausstieg beschlossen haben und ebenfalls ein Sahneschnittchen beanspruchen, um Haushaltslöcher zu stopfen, will RWE seine Investitionen in erneuerbare Energien vorläufig einfrieren. „Wir investieren sehr stark – mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr. Steigen wird dieses Volumen kurzfristig nicht, weil uns erst einmal Erträge durch die Politik weggenommen werden“, sagte RWE-Chef Jürgen Großmann dem Magazin Stern. „Erträge” nennt es der Mann, und nicht monopolkapitalistische Wegelagerei durch Abzocke. Nebenbei und zur Verdeutlichung: Allein E.ON wird bis zum Ende des Jahres sein dreijähriges Investitionsprogramm von 60 Mrd. Euro abgeschlossen haben, weitere 30 Mrd. sind bis 2011 vorgesehen, die im Wesentlichen zum Ausbau der bestehenden „organischen” Märkte verwendet werden, also Ankauf, Übernahme, Zerschlagung, Aufteilung zwecks Gewinnoptimierung. Geben Sie ihr Weihnachtsgeld nicht unnütz aus, die Heizkostennachzahlung 2010 kommt bestimmt.

Die Franzosen sind ein streiklustiges Volk, sobald der Benzinpreis um 5 Cent steigt, organisieren sie gleich einen Generalstreik, von Paris bis Cannes - es kann auch Marseille sein. Diesmal ging es um Sarkozys Rentenpolitik, bzw. das allgemeine Renteneintrittsalter und den Zeitpunkt zum Bezug der vollen Rente. Beides soll angehoben werden, besser, es wird, denn 174 Senatoren stimmten unlängst dafür. Und wie war das im November 2007, als die Eisenbahner die Arbeit liegen ließen? Da ging es um ihre Rentenprivilegien. Schließlich steht es ihnen zu, nach 37,5 Dienstjahren bei der SNCF, bei vollem Alterssalär den Lebensabend zu genießen. Auch ihr Arbeitsalltag gleicht nicht dem eines chinesischen Bergmanns, denn neben einem angemessenen Lohn und einer 35-Stunden-Woche, bekommen sie 38 Tage Urlaub, da könnte man neidisch werden.

Warum funktioniert diese Streikfreudigkeit der Franzosen nicht bei uns? Nun, weil wir fleißig und geizig sind, und uns gerne sagen lassen was wir tun sollen - und das tun wir gründlich. Wir lassen uns auch nicht die Liegestühle wegnehmen, wir besetzen sie noch vor dem Morgengrauen. Wie gesagt, die Deutschen sind geizig, ihnen würde nicht im Traum einfallen, ohne Streikgeld für irgendwas auf die Straße zu gehen; streiken Sie mal jedes Jahr ca. 5 Tage ohne finanziellen Ausgleich. Wenn man das nämlich hochrechnet, können die geplanten Abzüge bei irgendwas gar nicht so schlimm sein, sie kompensieren sich. Also verzichten wir darauf im Sinne einer Kosten-Nutzungsrechnung, der Deutsche ist ein sparsamer Pragmatiker. Ach ja, bevor ich`s vergesse: Paule ist tot. Friede seiner Asche.

Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.

Foto: Roberto Tarallo





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