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Kolumne November 2010

Von Schnee, Eis und lausiger Kälte war Anfang des Monats noch nicht die Rede, da kamen die letzten Mallorca-Urlauber in Badelatschen zurück, und dass die BILD-Zeitung größere Monitore anschaffte, um die kommenden Überschriften zu setzen, mag ein Gerücht sein, aber gute Gründe hatte sie mehrfach, und jetzt erfreuen wir uns am australischen Weihnachtsmann im Internet.


[ruhr-guide] Da stellt sich der Hartmuth Malorny, Buchautor aus DortmundInnenminister vor den Presse-Pulk und verkündet: Liebe Mitbürger/Innen, wir haben verlässliche Informationen über geplante terroristische Anschläge gegen unser Land. Na ja, er wird sich bestimmt subtiler ausgedrückt haben. Ich meine Thomas de Maizière, nicht Wolfgang Schäuble, zu dem komme ich später. Im gleichen Atemzug bittet er das Volk nicht in Panik zu verfallen, im gleichen Atemzug lässt er schwer bewaffnete Hundertschaften ausschwärmen. Das ist ungefähr so, als würde ich meinem Nachbarn androhen, seine Bude in die Luft zu sprengen und nebenbei bemerken: Aber bleib ruhig, vielleicht überlege ich es mir anders, falls ich gute Laune habe. Und nun reichte ein vergessener Koffer, um den Düsseldorfer Hauptbahnhof komplett zu evakuieren.

Vielleicht erinnert sich de Maizière an seinen Vorgänger Wolfgang Schäuble, der damals gar nicht zimperlich war, er wollte das Internet sowie Handys für „gewisse Personen” sperren lassen und nebenbei Passagierflugzeuge abschießen. Er dachte laut daran, den Tatbestand der Verschwörung gesetzlich neu zu regeln, wie in den USA; dort nennt es sich felony-murder-law und erlaubt der Justiz auch denjenigen einzusperren, der lediglich bei der Ausführung einer Straftat dabei war - inaktiv und/oder aus reinem Zufall. Beispiel: Ein durchgeknallter Mann fährt mit seiner Freundin über den Highway, beschließt an einer Tankstelle zu halten, um etwas Alkoholisches zu kaufen, und erschießt aus unerfindlichen Gründen den Kassierer, während die Freundin nichtsahnend im Auto wartet. Nun, der Mann bekommt 30-40 Jahre Gefängnis, je nach Gusto des Richters, die Freundin ebenfalls, denn so funktioniert dieses „Verschwörungsgesetz” der U.S.-Amerikaner. Sagen Sie nicht, das sei kein Vergleich. Herr Schäuble hielt es anders.

Längst hat sich in allen Ministerien rumgesprochen, wie der Mann seine Mitarbeiter/Innen behandelt, Samthandschuhe trägt er dabei nicht. Und als er kürzlich eine Pressekonferenz geben wollte und sein Sprecher wohl vergaß, die Informationsmappen rechtzeitig zu verteilen, da grummelte er, watschte den Sprecher ab, spielte den beleidigten Engel und schob ab. Es war bestimmt nicht diese Kleinigkeit, die Herrn Michael Offer veranlasste, seinen Job hinzuwerfen, das war eher der berühmte Tropfen zuviel, weil die Sache vor den Augen der Öffentlichkeit geschah. Während Volker Kauder und Frau von der Leyen unisono erklären, wie gut der Finanzminister seine Arbeit mache, plaudert ein nicht genannter Bundesminister: „Keiner gibt ihm länger als bis Weihnachten.”

Der Dortmunder Weihnachtsmarkt hat geöffnet, draußen serviert man wieder heißes Zuckerwasser in chinesischen Relieftassen. Sie erinnern sich? Der erste asiatische Hersteller machte Pleite, der zweite tat ein bisschen Cadmium und Blei ins Material, die dritte Wahl fiel auf den letzten Fabrikanten - weil es nur drei in ganz China gibt, hier klappte es. Wie schön, dass wir so globalisiert sind, damals wären die Tassen nie und nimmer rechtzeitig eingetroffen. Früher dauerte so ein Transport über die Seidenstraße Monate, und die Herstellung dieser Warenmenge Jahre, da hätte man zu Ostern 2007 bestellen müssen; früher haben wir die Tassen im Schwarzwald angefertigt. Allerdings musste ein Porzellangeschirr bei den damaligen Preisen ein Leben halten - falls man es sich leisten konnte, das kriegte man höchstens zur Hochzeit. Daher auch der Ausspruch: Er hat nicht alle Tassen im Schrank. (Ursprünglich war ein armer Mensch gemeint, kein Verrückter.)

Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk jedenfalls erfreut die Politik weltweit: Wikileaks. U.S. Diplomaten haben über beinahe jeden, der auf diesem Erdball etwas zu sagen hat, hübsche Dossiers angelegt, natürlich nur für den Eigengebrauch und weil die Amis gerne Daten sammeln, wie sie es auch mit ihren Bürger/Innen tun, aber diesmal stand die Politprominenz selbst im Fokus. Das mag vielen Betroffenen peinlich erscheinen, dabei ist es lediglich der Umkehrschluss einer permanenten Überwachung. Und was sagt der als „zorniger alter Mann“ kritisierte Schäuble dazu? Er findet, Wikileaks werde viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Mein Großvater hingegen, der einen Bauernhof und Menschenkenntnis besaß, sagte gerne: „Ich erkenne meine Schweine am Gang.”

Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.

Foto: Roberto Tarallo





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