Langsam wird es peinlich, alle Jahre wieder mit der alten Leier anzufangen, meistens zum Ende des Dezembers hin, wenn man genug hat von Konsumterror und Merry-Christmas und sich an die guten Vorsätze erinnert, oder neue beschließt, die tief im Unterbewusstsein lagern und Winterschlaf halten.
[ruhr-guide] Zuerst
wollte ich aus lauter Faulheit eine Dezemberkolumne der letzten Jahre abschreiben - ein unbelastbares Langzeitgehirn hätte es vermutlich nicht gemerkt, zumal der 12. Monat immer mit den gleichen Merkmalen geschlagen ist, nämlich Kaufrausch, Winterbeginn, Weihnachten und Silvester, doch sogar ich, der eher zwanglos und ohne langfristige Planung daherlebt, habe mir diesmal etwas vorgenommen: Ich werde mich vehement für die Abschaffung des Winters einsetzen! Dann hätte Karneval endlich einen vernünftigen Platz zwischen den Jahreszeiten. Dafür könnte man ja den Sommer verlängern - einhergehend die Ferien. Auch die UNO-Klimakonferenz im mexikanischen Cancun glich eher einem Badeausflug, schließlich traf man sich nicht am Nordpol und hatte nicht vor, irgendwelche Verbindlichkeiten zu beschließen. Das Wetter ist Schaden genug; Reifen sind knapp, Enteisungsmittel und Streusalz auch - findige Zeitgenossen befreien ihren Hauseingang mit jodiertem Speisesalz. Kurzum, der Winter ist mir ein Krebsgeschwür. Und ich denke: Wenn die Sonne nicht zum Ochsen kommt, so mein Kalkül, geht der Ochs` eben zur Sonne.
Kleine Kinder mögen ja noch an Frau Holle glauben, die oben im Himmel das Bettzeug ausschüttelt, und Klimaforscher halten den vielen Schnee für ein Nebenprodukt der globalen Erwärmung, und ich halte ihn für höchst überflüssig, zumindest auf Straßen, Schienen und Flughäfen. Wer auf der Autobahn festsaß, bekam in der Regel heißen Tee vom Roten Kreuz; Flugpassagiere kriegten einen Klappstuhl am Check-In-Schalter. Wie es allerdings einer Bahnreisenden erging, die vom Elsass zur spanischen Grenze wollte, zeigte das französische Chaos: "Bei der Abfahrt in Colmar hatte der Zug schon eine Stunde Verspätung", sagte Louise. Nach ca. 100 Kilometern, Höhe Belfort, wollte der Lokführer nicht mehr, er müsse seine vorgeschriebene Dienstruhe einhalten. Nach 9 Stunden ohne Bewegung und Information, denn auch der Schaffner hatte sich verdünnisiert, sah Louise einige Bedienstete der SNCF, die sie ansprach. "Ach, rutsch mir doch den Buckel runter", antwortete einer. Der Ersatzlokführer kam nicht weit, ein liegengebliebener Triebwagen versperrte den Weg. Und im Burgund streikte dann die Lok. Das Abenteuer dauerte insgesamt 26 Stunden. In dieser Zeit wäre Louise mit einer F-22 einmal um die Welt geflogen.
Mein großes Mitgefühl gilt denjenigen, die wie ich im PKW mit Sommerbereifung unterwegs sind. Dabei tönte ich noch im November: "Jammert nicht, wenn ein bisschen Schnee fällt, das macht die EDG nachts, spätestens aber morgens ganz schnell weg." 2003 fuhr ich ohne Probleme von Turin nach Genua, durch 15 Zentimeter Neuschnee. O.K., ich hatte ein Räumfahrzeug vor mir. Und die Sommerreifen waren neu. Heue sind sie kaum mehr als ein Vertreter, Politiker, Gebrauchtwagenverkäufer oder Investment-Banker: Fast ohne Profil. Ich spürte Trauer beim Anblick der vielen Autos, die wie meins versuchten mit durchdrehenden Rädern aus verschneiten Parklücken zu kommen. Ich wurde mindestens ein Dutzend Mal angeschoben und half selbst, hatte ich doch Schieber, Schüppe, Sand und Salz im Auto deponiert. (Die Solidarität der Benachteiligten.)
New York wurde gleich nach den Feiertagen von einem gewaltigen Blizzard heimgesucht. Das Stadtbild erinnerte überall dort an die Gründerzeit, wo Winde und Schneepflüge den Schnee hingepustet hatten und Menschen nach ihren Autos buddelten. Der Sturm fegte mit 80 km/h durch die noble Fifth Avenue, aber niemand war schneller. Auf den drei Flughäfen lief beinahe nichts. Falls doch, dann höchstens ein paar Meter übers Rollfeld. Ärgerlich, wenn man 8-12 Stunden im Flieger hockt und wieder dort aussteigt wo man eingestiegen ist, inmitten lausiger Kälte, anstatt Aloha he.
Dann gab es den dreijährigen Kevin in Nürnberg, der um 5 Uhr morgens bei Minustemperaturen zum Einkauf unterwegs gewesen war. Eine Bäckereiangestellte entdeckte ihn wartend vor dem Schaufenster, als sie gerade den Ofen anheizte. Sie holte den Bengel rein, der nur mit Nachthemd, Windeln und zwei unterschiedlichen Schuhen bekleidet war. Die Polizei fand schnell heraus, dass er aus einem 100 Meter entfernten Einfamilienhaus stammte. Vater und Mutter schliefen noch, als die Polizei anklingelte, sie waren höchst erstaunt - und angenehm überrascht, hatte der Dreikäsehoch tatsächlich Brötchen dabei.
Frohe Neues.
Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.
Foto: Roberto Tarallo

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