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Kolumne April 2011

In jedem Leben kommt die Zeit der Veränderung, das ist das Normalste der Welt, und welche Jahreszeit ist besser dazu geeignet als der sonnige Frühling im Wonnemonat Mai, wenn man gerade die Fenster geputzt hat, die einen herrlichen Ausblick auf eine aschgraue Betonwand gegenüber offenbaren, und der Briefkasten etwas enthält, was ich ihnen nicht vorenthalten möchte.


[ruhr-guide] Der BVB ist deutscher Meister 2011. Vorab. Dortmunds Tanz in den Mai wird Schwarz-Gelb vollzogen, im Autocorso über Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmundden Borsig-Platz, ein Hupkonzert für die ganze Stadt.
Das freut mich und ist zwar schön und gut, betrifft mich aber nicht persönlich. Höchst persönlich war jener Brief, den ich vor einer Woche aus dem Briefkasten zog. Ich öffnete ihn, obwohl er keinen Absender enthielt. Und dann musste ich mich erst setzen und einen so starken Drink mixen, dass ich die nächsten 5 Minuten nicht aufstehen konnte. Ich meine, was würden Sie machen, wenn ihnen West-Lotto einen Brief schickt? (Und es handelte sich nicht um einen Minimalgewinn unter 10 Euro.) Jedenfalls erinnerte ich mich an Dean Martin, der den Barkeeper anwies 2! Oliven in den Drink zu tun, weil ihm sein Arzt mehr Obst verschrieben hatte, und darum mixte ich Wodka mit Ananassaft - zwei Finger breit Wodka, gespreizt.

Dann klapperte ich in Gedanken meinen Freundes- und Bekanntenkreis ab und beschloss, keinen mehr zu haben. Selbst meine Schulden, die höher sind als manches Entwicklungsland sie hat, würde ich aus der Portokasse begleichen können. Nie mehr Gebrauchtartikel bei E-Bay ersteigern, nie mehr im Ein-Euro-Shop einkaufen, nie mehr den Kaffee aus dem Pappbecher trinken. Und so weiter. Träume werden Realität. Es ist wie mit den weniger attraktiven Frauen, die man sich im Suff schöner trinkt. Es ist wie mit den abgehobenen alten Männern die glauben, Geld würde sie schöner machen. Heiliger Strohsack, der alte Bukowski hatte wohl recht. Und wenn nicht, hatte er seinen Spaß. Den möchte ich auch.

Zuerst fuhr ich meinen Fiat-Punto gegen eine Mauer. Nur so zum Spaß. Um zu sehen, wie ein Air-Bag explodiert. Danach besuchte ich das Autohaus Chrysler&Jeep auf der Eisenstraße, anschließend den Dortmunder Flughafen. Am Nachhauseweg ließ ich das Taxi bei Brillen-Fielmann halten und erstand eine sündhaft teure Sonnenbrille. Der Rest war schnell erledigt: Kulturbeutel gepackt, Kreditkarten gesucht und Kumpel angerufen, der sich um die Wohnung kümmern soll. Ihm erzählte ich etwas von einer dringenden Reise ins Nirwana, vom Besuch meiner Tochter, die ich unbedingt sehen müsste. Und nun raten Sie, wo ich bin?

Gerade teilt mir die Stewardess mit, dass wir uns ca. 10 000 Meter über Normal-Null befinden, also über den Wolken, und auf einem Monitor kann ich die Flugroute verfolgen. Der Service in der ersten Klasse ist vorzüglich, man redet mich mit Herr Malorny an, und Speisen und Getränke kosten keinen Cent extra. Auch das Klo ist umsonst. Gegen 10 Uhr a.m. Ortszeit werde ich landen und per Limo-Service abgeholt. Ich bestand auf einem Namensschild mit dem Zusatz „Doktor”. Das macht was her und befriedigt das Geltungsbedürfnis. Vielleicht kaufe ich mir so einen Titel. Oder ich lass mir eine Doktorarbeit schreiben, das ist ja in Mode. Jedenfalls hat das Hotel fünf Sterne, in dem ich für ein paar Wochen residieren werde, bevor ich zur Weltreise aufbreche. Noch sehe ich aus wie Null-acht-fuffzehn, in Sachen Kleidung, aber das wird der Maßschneider, den ich im Hotel erwarte, hoffentlich ausbügeln.

So, meine lieben Leser/Innen, in der Touristenklasse wird man aufgefordert die Tischchen hochzuklappen, sich anzuschnallen und die Sitze in Position zu bringen. Ich lasse mir noch ein Glas Sekt servieren und tippe schnell die letzten Sätze dieser Kolumne. Und falls Sie einen Brief von West-Lotto bekommen sollten, besuchen Sie mich.
Was allerdings in den Bereich der Phantasie gehört, wahr ist, oder sich als Aprilscherz entlarvt, bleibt dem geneigten Leser/Inn vorbehalten.

Hartmuth Malorny, Buchautor aus Dortmund, schreibt regelmäßig auf ruhr-guide.de aus und über seine Heimatstadt.

Foto: Roberto Tarallo





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