Dortmund – eine Stadt im Umbruch

So einzigartig Dortmund in vielerlei Hinsicht sein mag, so sehr krankt die Stadt an vielen Dingen, die auch andere Städte im Pott beschäftigen. Eines der großen Probleme: Obwohl das Ruhrgebiet im NRW-weiten Vergleich mit günstigem Wohnraum – der noch dazu recht reichlich verfügbar ist – locken kann, zieht es nur wenige dort hin. Ganz gleich ob in Bochum, Hagen oder eben Dortmund, fast überall ist ein angesichts der niedrigen Kauf- und Mietpreise paradox anmutender Leerstand der Immobilien zu verzeichnen.

Alles muss attraktiver werden: Der Pott im Wandel

Der Haken an dem verfügbaren Angebot – er ist schlicht und Stadt Dortmund im Umbruch - Foto: fotolia.com © Sarah ergreifend nicht attraktiv genug, um die Menschen zu einem Umzug zu bewegen. Während an anderer Stelle, etwa in Köln oder Düsseldorf, bezahlbarer Wohnraum erst geschaffen werden muss, weil die Städte die zuziehenden Menschen nicht mehr aufnehmen können (jedenfalls nicht in den Lagen, in denen sie gerne unterkommen möchten), geht es in den „Problemstädten“ des Reviers weitestgehend darum, diesen Wohnraum zu modernisieren. Das bedeutet eine Anpassung an die energetischen Anforderungen wie auch an die Ansprüche potenzieller neuer Bewohner.

Eine Thematik, die tatsächlich für weite Teile, wenn nicht sogar das gesamte Ruhrgebiet Gültigkeit besitzt. Der Umbruch ist vielleicht aktueller denn je, wenn hier zum Ende des Jahres 2018 der Steinkohlenbergbau ein Ende findet, markiert das für die ganze Region einen Wendepunkt. Vieles von dem, was für den Aufschwung und den Wohlstand des Potts gesorgt hat, gehört dann zur Geschichte.

Neustart und Frischzellenkur für den Pott

Positiv formuliert ist das jedoch eine Chance für eine grundlegende Umstrukturierung, für einen Neuanfang. Dass es dabei eben auch auf die jüngeren Generationen ankommen wird, ist längst klar und die Fakultät Raumplanung der TU Dortmund widmet sich deshalb aus gutem Grund in diesem Sommer im Rahmen des städtebaulichen Kolloquiums dem „Jungen Ruhrgebiet“. Es geht darum, die Grundlagen dafür zu schaffen, dass junge Menschen und die Region wechselseitig voneinander profitieren können.

Dazu gehört eben, dass junge Leute eine attraktive Umgebung vorfinden, sowohl hinsichtlich der Wohnbedingungen als auch bezüglich der beruflichen Perspektiven – und das auf lange Sicht. Die Voraussetzungen scheinen in dieser Hinsicht jedenfalls vielversprechend, das Ruhrgebiet als solches verfügt deutschlandweit über die dichteste Hochschullandschaft und ist schon deswegen eigentlich ein Anzugspunkt für die jüngeren Semester.

Es geht also darum, diesen jungen Leuten ausreichend Gründe für einen Verbleib im Pott zu bieten. Nicht ganz unproblematisch, denn dazu muss der Zielgruppe das Ruhrgebiet womöglich überhaupt erst einmal nahe gebracht werden. Mit „#läuftimruhrgebiet“ etwa sollen an der Social-Media-Front Vorbehalte abgebaut und das Revier in seiner Vielseitigkeit präsentiert werden.

Dortmund: Zwischen sozialem Brennpunkt und sozialer Stadt?

Was für die Region insgesamt gilt, lässt sich natürlich auch im Einzelfall Dortmund im Wandel - Foto: fotolia.com © seder 3107 nachvollziehen. Dabei ist es keineswegs so, als wäre den Verantwortlichen auf Städteebene nicht ebenfalls klar, dass Handlungsbedarf besteht. In Dortmund läuft deshalb eine Vielzahl von Programmen und Projekten, die für einen lebenswerteren Standort sorgen sollen. Ein großes Unterfangen für die Stadtplaner in den jeweiligen Ämtern, weil nicht zuletzt die Anforderungen ganz unterschiedlich sein können – dazu reicht ein Blick auf die Voraussetzungen, die etwa die Nordstadt im Vergleich mit dem PHOENIX-Gelände bietet.

Auf der einen Seite besteht die Möglichkeit, ein riesiges Areal an vielen Stellen von Grund auf neu zu gestalten, mit vollkommen neuen Wohnanlagen, die verschiedenste Bedürfnisse erfüllen und zugleich von Anfang an in die daneben entstehende (und nicht zu vergessen die bestehende) Infrastruktur aus Arbeits-, Dienstleistungs- und Erholungsräumen eingegliedert werden können. Auf der anderen Seite steht ein schon gewachsener Stadtteil, der sich noch dazu inzwischen den Ruf eines Problembezirks und einer No-Go-Area eingehandelt hat. Ein guter Grund mehr also, etwa im Rahmen der Stadterneuerungskampagne „Soziale Stadt NRW Dortmund Nordstadt“ tätig zu werden.

Der Nordstadt neue Kleider

Nicht so sehr, weil die Zustände wirklich und grundsätzlich der medialen Berichterstattung über die Nordstadt entsprechen – vielmehr ist das Empfinden der Anwohner durchaus sehr verschieden von den Berichten aus Print- und anderen Medien. Denn Nordstadt ist bunt, was sicherlich auch der verhältnismäßig hohen Quote von Einwohnern mit Migrationshintergrund geschuldet ist, zu denen sich aber genauso eine beträchtliche Zahl von Studenten und Künstlern gesellt.

Das löst keine Probleme und die sind in der Tat vorhanden. Aber es lässt sich hier eine Gemengelage vorfinden, die gleichermaßen das Potenzial für eine positive Veränderung hat. Und ohne Zusammenarbeit und Zusammenhalt wird sich hier nur wenig bewegen, deswegen baut das Quartiersmanagement in manchem Bereich im wahrsten Sinne auf die Mithilfe etwa von Immobilien-Standortgemeinschaften und Eigentümern. Unter Umständen kein leichtes Unterfangen, immerhin ist eine flächendeckende Verbesserung des innenstadtnahen Wohnens mit erheblichem finanziellen Aufwand verbunden. Nicht jeder wird über die notwendigen Mittel oder die Bereitschaft zur Fremdfinanzierung von Renovierungsmaßnahmen verfügen.

Dabei kann nur auf diesem Wege die langfristige Wohnqualität gesichert werden – und nur so werden die Immobilien attraktiv genug, um ebenso langfristig Mieter anzulocken. Abgesehen davon tragen schon verhältnismäßig kleine Maßnahmen dazu bei, nicht nur den Wohnraum für den einzelnen, sondern auch den Gesamteindruck zu verbessern.

Die DOGEWO21 etwa, die sich allein in der Nordstadt für mehr als 2.000 Wohnungen verantwortlich zeichnet, sorgt dafür, dass es zum bevorstehenden Start in den Sommer in der Heiligegartenstraße zumindest einen Grundstock an Balkonblumen gibt. Das ist vielleicht nicht die tiefgreifendste Maßnahme, signalisiert aber einerseits die Unterstützung des Wohnungsunternehmens für die Mieter und andererseits schon im Kleinen das Bestreben, die Nordstadt aufzuhübschen. Im Großen kann das Ergebnis dann aussehen, wie das fertig sanierte Schüchtermanncarree. Die Wohnungen in der Anlage liegen preislich zwar über dem Nordstädter Durchschnitt, vermietet werden sie trotzdem und nicht nur, weil sie im Vergleich mit anderen Städten immer noch im Schnäppchenbereich anzusiedeln wären, sondern weil auch die Nähe zum Stadtzentrum und eben das lebendige Wohnumfeld locken.

Viele Baustellen, viele Chancen

Abgesehen davon gehen die Bemühungen des Stadterneuerungsprogramms für die Nordstadt wesentlich weiter. Die drei Schwerpunkte, um die das Programm entwickelt wurde, gliedern sich jeweils in weitere Anliegen auf, an die die entsprechenden Projekte geknüpft sind. Das sieht in der Summe wie folgt aus:

Neue Urbanität und Image
Verbesserung des öffentlichen Raumes, des Wohnumfeldes und der Erschließung:
Hierunter fallen die Eingänge in den Bezirk, eine kreative Gestaltung der Brücken sowie die Hof-, Fassaden- und Lichtgestaltung.
Umnutzung von Brachflächen und leerstehenden Gebäuden:
Dabei geht es vornehmlich um die Albertus-Magnus-Kirche.
Verbesserung des innenstadtnahen Wohnens:
Wie schon erwähnt, sollen dazu vor allem die Immobilien-Standortgemeinschaften und die Eigentümer aktiviert werden.
Imageförderung und Stadtteilmanagement:
Damit ist die Vermarktung der Nordstadt gemeint.

Lokale Ökonomie und Beschäftigung
Existenzgründungen und Bestandspflege:
Dieser Punkt vereinigt mehrere Einzelprojekte, etwa den Nordstern Existenzgründungs- und Unternehmenswettbewerb, die Profilierung spezifischer Gewerbequartiere, die Einführung von Migrantenselbstorganisationen und Gewerbevereinen sowie eine spezielle Existenzgründungs- und Firmenberatung für Migranten.
Kooperation Schule und Wirtschaft:
Hierbei geht es um den leichteren Übergang von der Schule ins Berufsleben.

Soziale und ethnische Integration
Bildung und Schule im Stadtteil:
Auch im schulischen Bereich geht es um mehrere Projekte, unter anderem Schüler helfen Schülern, Schuldenprävention an den Schulen der Nordstadt, Gewaltprävention, die Stärkung der Erziehungs- und Bildungskompetenz der Eltern, die Einrichtung eines Jugendforums für die Nordstadt.
Soziale Randgruppen:
Hier werden verschiedene Projekte zusammengefasst, die zum Teil schon seit mehreren Jahren im Einsatz sind, etwa das Diakonie-Zuwanderer-Projekt „Schritt-Weise“, daneben gehören der Treffpunkt Nordmarkt, das Café Berta und Problemgruppen im öffentlichen Raum zu diesem Programmschwerpunkt. Tatsächlich werden die Einwohner der Nordstadt aber auch selbst aktiv, wenn es um die freundlichere Gestaltung ihres Stadtteils geht. Nicht nur auf der städtebaulichen, sondern ganz konkret auf der zwischenmenschlichen Ebene. Zum Beispiel beim „Nordstadtdinner“, das in diesem Jahr bereits zum 20. Mal stattfindet. Zweimal im Jahr können sich neugierige Nordstädter zu dieser Veranstaltung anmelden, die sie zu jedem der drei angebotenen Gänge mit anderen Menschen zusammenbringt. Frisch Zugezogene haben somit die Gelegenheit, gleich Kontakte zu den Bewohnern des Quartiers zu knüpfen, alle anderen lernen auf diesem Wege einfach neue Leute kennen. Dass es dabei ordentlich was zu essen gibt – sicherlich kein Nachteil und sogar erforderlich, denn der Weg zum nächsten Menüpunkt will ja auch noch bewältigt werden.

Bild 1: fotolia.com © Sarah
Bild 2: fotolia.com © seder 3107

Empfehlungen

function sc_smartIntxtNoad() { }