Der Gelsenkirchener Rennverein

Rivalen der Rennbahn. Zwischen Essen und Gelsenkirchen liegt der Gelsenkirchener Rennverein. Hier trifft sich regelmäßig eine illustre Gesellschaft zum Pferderennen. Sieg und Niederlage liegen hier eng beieinander, für die einen ist es Entspannung und Spass pur, für die anderen harte Realität.


[ruhr-guide] Mein Der Gelsenkirchener Rennvereinerster Eindruck ist karg, spröde. Ich komme während einer Rennpause, Menschen stehen herum, viel weniger als ich vermutet habe. Ich sehe keine Tribüne, nicht ein Hauch von Ascott. Ich war noch nie bei einem Pferderennen, etwas unsicher schaue ich mich um, taxiere meine Umgebung. Wenn nicht schon Highsociety wie in Ascott, dann wenigstens Halbwelt, so meine Vorstellung. Schmierige Wettbuden, gestrandete Typen, mafiöse Manipulationen. Doch hier draußen sind eigentlich vorwiegend Familien mit Kindern, Ausflügler, ein paar ältere Herren trinken an Stehtischen Kaffee und rauchen - nichts besonderes. Ein paar pferdebegeisterte Mädchen stehen am Rand der Rennbahn. Ich bin enttäuscht.

Aus dem großen, schmucklosen Neubau hinter mir strömen immer wieder ein paar Herren mit kleinen Zetteln heraus. Da scheint die Wettannahme zu sein. Drinnen ist es verraucht, es riecht nach Alkohol. Vor den Wettannahmeständen stehen Trauben größtenteils älterer Herren, die unablässig auf Monitore starren. Sie zeigen die Nummern der Pferde und ihre Quoten an. Ich stelle mich neben sie, um zuzuhören. Es wird diskutiert über die Pferde und Strategien und über die Quoten. Hier werden meine Erwartungen zwielichtiger Atmosphäre schon eher befriedigt. In Reiseführen würde man euphemistisch von Ruhrgebiets-Originalen sprechen oder einer halbseidenen Gesellschaft, was zumindest ein wenig glamourös klingt.

Eine Etage höher stehen die wahren Profis in Umgebung der Kassenhäuschen und verfolgen neben her die Rennen in anderen Stadien, wo sie auch Wetten gesetzt haben, per Fernwette. Alle haben sie die Trabrennwettzeitschrift in den Händen, in der sie unablässig herumstreichen. Manche machen das hier offensichtlich hauptberuflich. Die Pferde werden hier gedutzt, ihre Namen kommen flüssig über die Lippen als wären sie enge Familienmitglieder. Ich stelle mich an einen der Tische und versuche möglichst souverän meinen Schein auszufüllen.

"Noch eine Minute "Fertig machen..., an die Plätze, 1, 2, ab!" Der Gelsenkirchener Rennvereinbis zum nächsten Rennen, noch eine Minute," dröhnt es aus dem Lautsprecher. Beim Wetten ist es eindeutig von Vorteil, keine Ahnung zu haben. Die sicherste Möglichkeit beim Pferderennen nicht zu verlieren, ist das zu machen was die Anderen machen. Es lebe der Opportunismus. Ich setze also auf das Pferd mit der niedrigsten Quote, das Pferd, das die meisten für den Favoriten halten. Ich nehme die Platzwette, die sicherste Wahl. Mein Pferd muss nicht gewinnen, nur unter die ersten drei kommen. Immer schön mittelmäßig bleiben. Auf Sieg zu tippen ist zwar viel lohnender und sehr verlockend, aber viel zu unsicher. Ein Pferd findet sich immer, das in der letzten Kurve nochmal Gas geben kann und den Favoriten auf die Plätze durchreicht. Der Favorit kommt aber fast immer unter die ersten Drei. Es ist etwa wie Bundesliga, Bayern ist zwar jedes Jahr der Favorit, aber ab und an eben nur zweiter oder dritter. Aber unter den ersten Dreien mit ziemlicher Sicherheit.

"Fertig machen..., an die Plätze, 1, 2, ab!" Mein Pferd heißt Jollie Cherie, ist aber nur zweiter Favorit. Kurz nach dem ich gewettet habe verschieben sich die Quoten. Der neue Favorit heißt jetzt Norito. Ich setzte mich auf die überdachte Innentribüne, um mich herum erregte Diskussionen und fachmännische Kommentare.

"Jaja, der Für die einen ist es Entspannung und Spass pur, für die anderen harte RealitätJollie kann laufen," beschreibt ein Herr mit Schiebermütze das offensichtliche. "Ach ja," brummt der Nebenmann, der offensichtlich nicht auf Jolli gesetzt hat. Doch der Mann mit Mütze und ich haben uns zu früh gefreut. Das ganze Rennen über bleibt Jollie vorn und Norito irgendwo im Mittelfeld. Aber reine Täuschung. In der letzten Kurve kommt Norito auf der Außenbahn geflogen. Unseren Nebenmann hält es nicht mehr auf seinem Sitz. "Ja, jetzt komm´, hau die weg!" Norito zieht vorbei, Jolli Cheri scheint auf der Stelle zu laufen. Wird aber noch dritter. "Das ist doch Schiebung, das kann jetzt doch nicht sein! Ich glaub es nicht, ich glaub es nicht!" posaunt der Mützenmann. Offensichtlich hat er keine Platzwette, sondern auf Sieg getippt.

Nach dem Rennen tönt von Band der Triumphmarsch aus Aida für den Sieger. Zu den Klängen des Triumphmarsches trottet die Kolonne der Wettenden Richtung Kassenhäuschen, teils um die Wettgewinne abzuholen, größtenteils aber um neue Wetten zu platzieren. Für meine 2 € Einsatz erhalte ich 2,30 zurück. Das ist nicht viel, ist aber immerhin eine Rendite von 15 % - das entspricht dem Zinssatz, den meine Bank nimmt, wenn ich mal wieder meinen Dispo überzogen habe. Der moralische Triumph aber ist unermeßlich. Mit meiner ersten Wette mache ich Gewinn, ich fühle mich als Profi durch und durch. Ich wette den ganzen Nachmittag. Bedenklich, meine Einsätze erhöhen sich mit jedem Erfolg. Im zweiten Rennen setze ich schon 4 € im dritten 6 € und muss prompt Verluste hinnehmen. Der Boden ist mittlerweile übersät mit alten Tippscheinen, jeder Schein eine verlorene Hoffnung. Durch einen reinen Zufall setze ich auf einen Aussenseiter und kann mein Startkapital von 20 € nahezu verdoppeln. Obwohl ich es nach diesem Nachmittag besser wissen müsste, hat es mich gepackt.

Gelsenkirchener Rennverein e.V.

Nienhausenerstraße 42
45883 Gelsenkirchen
Tel: 0209 - 40 92 - 0
Fax: 0209 - 49 23 - 39
www.gelsentrab.de

(Johannes Zillhardt)

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