Zivi-Mangel gefährdet Qualität der Behindertenbetreuung

Bis Sommer 2006 beenden zwölf Zivis ihre Arbeit in der Individuellen Schwerstbehinderten Betreuung. Die Familien- und Krankenpflege Herne sucht dringend Nachfolger um die Qualität der Behindertenbetreuung zu sichern.


Herne, im Februar 2006. Personalmangel Raus an die frische Luft: Ingrid Gesing genießt die Spaziergänge mit den Zivildienstleistenden Michael Sirojic (links) und Marcel Ixert.bei der Individuellen Schwerstbehinderten Betreuung: Bis Sommer 2006 beenden allein bei der Familien- und Krankenpflege Herne zwölf "Zivis" ihren Dienst. Ausreichend Ersatz ist nicht Sicht. ISB-Einsatzleiterin Martina Pohl schlägt Alarm: "Wir haben große Schwierigkeiten, Nachfolger zu finden." Die Gründe: Immer weniger "Zivis" absolvieren den auf neun Monate verkürzten Dienst. Und viele von ihnen entscheiden sich für scheinbar "bequemere" Jobs - ein Problem, das alle Anbieter von Schwerstbehindertenbetreuung betrifft.

Auf dem Herd brodeln die Spaghetti. Zivi Michael Sirojic schneidet Zwiebeln für die Nudelsoße. "Streu auch noch etwas Basilikum rein", sagt Ingrid Gesing. Die 55-Jährige kann aufgrund ihrer Multiplen Sklerose nicht mehr selbst in den Töpfen rühren. Sie gibt aber immer wieder Küchentipps - hat ihrem Zivi so sogar das Kochen beigebracht. Jeden Tag kümmert sich Michael Sirojic um den Haushalt der Hernerin - noch bis Ende April, dann ist sein Zivildienst in der Individuellen Schwerstbehinderten Betreuung (ISB) der Familien- und Krankenpflege Herne beendet.

Dienst betreut zehn Patienten

"Insgesamt betreuen wir zehn körperlich schwerstbehinderte Patienten", sagt ISB-Einsatzleiterin Martina Pohl. "Fünf von ihnen werden durch die Zivis sogar in die Schule begleitet." In Herne ist die Familien- und Krankenpflege damit die größte Einrichtung, die die Individuelle Schwerstbehinderten Betreuung anbietet. Unterstützt werden die Zivildienstleistenden dabei von Helfern, die bei dem Pflegedienst ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren. Sie alleine reichen aber nicht aus, um fehlende Zivildienstleistende zu ersetzen.

Den Alltag miteinander leben

Einkäufe,Was gibt es heute Mittag? Ingrid Gesing verrät den beiden Zivildienst-leistenden Michael Sirojic (links) und Marcel Ixert immer wieder leckere Rezepte. Behördengänge, Hausarbeiten und gemeinsame Spaziergänge - jeder Betreuer kümmert sich um einen festen Patienten und ermöglicht ihm ein Leben in den eigenen vier Wänden. "Man lebt den Alltag miteinander", sagt Zivi Marcel Ixert. "Mit der Zeit baut sich so ein richtig freundschaftliches Verhältnis auf." Auch Michael Sirojic ist von seinem Dienst begeistert: "Oft kann ich Frau Gesing schon durch Kleinigkeiten helfen, die für mich selbstverständlich sind." Für die beiden steht fest: Sie möchten auf keinen Fall mit anderen Zivildienstleistenden tauschen.

Viele schreckt der Dienst ab

Doch warum ist es so schwer neue Kräfte für die Individuelle Schwerstbehinderten Betreuung zu finden? Einsatzleiterin Martina Pohl: "Wochenend- und Feiertagsdienste, Nachtschichten - das schreckt viele ab." Außerdem hätten viele junge Männer eine völlig falsche Vorstellung von der ISB. "Die meisten haben sofort pflegerische Tätigkeiten wie Waschen und Anziehen vor Augen." Doch weit gefehlt: Das ist die Aufgabe von ausgebildeten Pflegekräften. Bevor die Zivis ihren Dienst bei der ISB antreten, absolvieren alle einen unverbindlichen Probetag. "So kann jeder besser entscheiden, ob er für die Arbeit geeignet ist", sagt die Einsatzleiterin.

Pflege mit Tradition

Michael Sirojic und Marcel Ixert leisten ihren Zivildienst in einem Unternehmen mit Tradition. Die Ambulante Familien- und Krankenpflege Herne feierte im vergangenen Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum. Sie gehört mit ihren vier Stationen in Herne-Mitte, Horsthausen, Herne-Süd und Wanne-Eickel zu den größten freigemeinnützigen Pflegediensten der Stadt und ist Mitglied im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV). Rund 170 Mitarbeiter kümmern sich rund um die Uhr um alle Bereiche der Pflege - von der Alten- und Krankenpflege über die Schwerstbehinderten Betreuung bis hin zur Sterbebegleitung.

(Jens Südmeier)

Fotos: Christoph Kniel / press image

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