LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim

Einmal selber zum Glasmacher werden: Im Museum Glashütte Gernheim in Petershagen-Ovenstädt erfahren Interessierte alles rund um das Handwerk des Glasmachers, die unterschiedlichen Glasformen und wofür Glasobjekte im Laufe der Geschichte schon alles genutzt wurden. Wer möchte, darf sogar auch selber einmal zum Glasmacher werden!

Glasmacherturm der Glashütte Gernheim, Foto: LWL/Hudemann/Holtappels [ruhr-guide] Das LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim befindet sich in den Fabrikgebäuden der einstigen Glashütte bei Ovenstädt. In dem früheren Betrieb wurden von 1812 bis 1877 verschiedene Glas-Objekte hergestellt. Im Laufe der Zeit verfiel der Gebäudekomplex zusehends, bis schließlich 1983 der Landschaftsverband Westfalen-Lippe die Fabrik übernahm und restaurieren lies. Im November 1998 wurde dann die Glashütte Gernheim als Museum eröffnet.

Die Glashütte Gernheim als Fabrikstandort

Gegründet wurde die Glashütte Gernheim von den Kaufleuten Johann Christoph Friedrich Schrader und Cornelius Lampe aus Bremen. Der Fabrikstandort lag direkt am Steilufer der Weser und war damit aus Transportgründen besonders gut gewählt, denn so konnten Materialien oder Endprodukte unkompliziert verschifft werden. Zudem sorgten die durch das Ufer entstehenden Winde für eine konstante Luftzufuhr und damit für optimale Bedingungen für das benötigte Feuer zum Schmelzen des Glases.

In den Jahren nach der Werkgründung entstanden dann nach und nach viele der Gebäude und die Glashütte wurde damit schnell zu einem frühindustriellen Fabrikstandort. Die Fabrik bestand damals aus der „Alten Hütte“, dem rund 20 Meter hohen Glashüttenturm, einer Schleiferei, einem Kalkofen, den Arbeiter-Wohnhäusern, einer Korbflechterei, zahlreichen Ställen, dem Fabrikantenwohnhaus, einer Schule, der Verwaltung, einem Packhaus sowie einem Wirtshaus mit Geschäft. Der Glas-Betrieb besaß zunächst zwei, dann drei Schmelzöfen, wobei an jedem der Öfen etwa 40 Glasbläser arbeiteten.

Schauproduktion für Besucher in der Glashütte Gernheim, Foto: LWL/Hudemann/Holtappels

Glasmacher waren „gern daheim“

Die Firmengründer warben damals die Belegschaft überregional an und so kamen viele der ersten Arbeiter aus verschiedenen Teilen des Landes, wie Beispielsweise aus dem Lipper Land, Böhmen und Sachsen oder aus dem Kreis Paderborn. Im Schnitt betrug die Belegschaft knapp 200 Personen. Da die Arbeiter jederzeit abrufbar sein mussten, wohnten sie in der Nähe der Glasfabrik. Dafür wurden extra etwa 30 Wohnungen gebaut, welche – für damalige Verhältnisse – einen recht guten Arbeiter-Wohnstandart boten. Zudem gehörte zu jeder Wohnung auch ein Stall und ein kleines Stück Garten. Damit konnten sich viele der Glasmacherfamilien selbst mit Lebensmitteln versorgen. Demnach geht der Name des Werks Gernheim wohl auch darauf zurück, dass die Glasmacher zwar aus teils weit entfernten Regionen stammten, aber in ihrem neuen Wohnort „gern daheim“ waren.

Produktion und Stillstand in der Glashütte Gernheim

Viele Jahrzehnte lang wurden in der Glashütte Gernheim verschiedenste Glaswaren produziert, wie zum Beispiel Flachglas für Fenster, grünes oder weißes Hohlglas für Wein- und Biergläser, Flaschen oder diverse Kolben. Sogar Kirchenfenster und Dachziegel aus Glas wurden hier gefertigt. Oftmals wurden diese dann in der betriebseigenen Glasschleiferei auch mit Gravuren oder Verzierungen veredelt. Die fertigen Glaswaren gingen vor allem nach Spanien und Portugal, aber auch nach Indien sowie Nord- und Südamerika. Mit ihren drei Schmelzöfen zählte die Glasfabrik sogar damals zu den wichtigsten Produktionsstätten des Landes. 1877 stellte der Betrieb jedoch die Glas-Herstellung ein. Wiederaufnahmen der Glas-Produktion scheiterten, lediglich eine Korbflechterei und eine Strohhülsenfabrik arbeiteten noch weiter als Zulieferfirmen für andere Glashütten.

Glas-Herstellung im Museum hautnah miterleben

Im heutigen LWL-Museum Glashütte Gernheim in Petershagen können Besucherinnen und Besucher den Prozess der früheren Glasproduktion erkunden, die Arbeit eines Glasmachers kennenlernen und den Prozess, wie aus Feuer und Sand Glas wird, bestaunen. So sind viele Gebäude des einstigen Fabrikwerks erhalten geblieben und können besichtigt werden, wie die Korbflechterei, das Fabrikantenwohnhaus oder eine Arbeiterunterkunft. Die Ausstellung in den verschiedenen Gebäuden und Fabrikabteilungen umfasst rund 2000 Exponate und Werke aus Glas. Angefangen beim Einmachglas bis hin zu prachtvollen Pokalen – hier erfährt man auch, wofür Gefäße aus Glas gebraucht und genutzt wurden.
Besucher können zuschauen, wie Glas be- und verarbeitet wird, Foto: LWL/Hudemann/Holtappels In einem der ehemaligen Wohnhäuser der Arbeiter wird der Besucher dann in das alltägliche Leben der Glasmacherfamilien und deren Lebens- und Arbeitsbedingungen zur Zeit der Industrialisierung zurückversetzt. Das Museum Glashütte Gernheim zeigt vor allem die typische Arbeitskleidung und die Wohnverhältnisse oder auch die Ernährungsgewohnheiten der Familien.

Ein Highlight erwartet Interessierte dann im Glashüttenturm: Hier kann das Handwerk des Glasbläsers in Aktion miterlebt werden, denn die Glasmacher stellen mit Pfeife, Holzform und Schere aus der glühenden Glasmasse verschiedene Glas-Gefäße her. Nebenan – in der Glasschleiferei – werden diese Gläser anschließend auch noch mittels Schliff oder Gravur verschönert. Wer Lust hat, kann sich dann auch einmal selbst als Glasbläser ausprobieren und sein Können unter Beweis stellen!

Sonderausstellungen: Finnisches Glasdesign und Contra Corona

Das LWL-Museum Glashütte Gernheim zeigt außerdem noch bis zum 6. Dezember 2020 Werke des finnischen Glasdesigners Timo Sarpaneva (1926-2006). Bekannt wurde der Designer durch seine Zusammenarbeit mit den Marken Iittala und Venini. Sarpanevas Glasobjekte bestechen durch Schlichtheit und spannungsreiche Proportionen. Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Finnischen Glasmuseum in Riikimäki und der Collection Kakkonen.

LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim

Gernheim 12
32469 Petershagen
Tel.: 05707 9311-0
E-Mail: glashuette-gernheim@lwl.org

Öffnungszeiten:
Die - So sowie an Feiertagen 10–18 Uhr
Montags geschlossen
Letzter Einlass 17.30 Uhr

Eintrittspreise:
Erwachsene: 4 Euro
Ermäßigt: 2 Euro
Kinder, Jugendliche und SchülerInnen: Eintritt frei
Gruppen ab 16 Personen: 3,50 Euro pro Person

Anfahrt:
Pkw:
A2 Richtung Oberhausen Hannover: Abfahrt Porta Westfalica.
Dann B 482 Richtung Porta Westfalica bis Lahde und weiter Richtung Bremen. Anschließend die B 61 Richtung Ovenstädt bis zum Museumsparkplatz in Gernheim.

ÖPNV:
Buslinie 501von Minden/Westfalen ZOB Richtung Petershagen bis Haltestelle "Petershagen Marktplatz".
Von "Petershagen Marktplatz" die Buslinie 530 Richtung Uchte bis zur Haltestelle "Petershagen-Ovenstädt Gernheim".

Fahrrad:
Folgende Radwege führen zur Glashütte Gernheim:
Weser-Radweg
Storchenroute
Radkult(o)ur

Weitere Infos gibt es unter:
www.lwl-glashuette-gernheim.de

(Stand: Juni 2020, Alle Angaben ohne Gewähr)

Fotos: LWL/Hudemann/Holtappels