Strukturwandel in Bottrop und dem Ruhrgebiet abgeschlossen

Steinkohle und Stahl – über Jahrzehnte prägte beides nicht nur das Ruhrgebiet. Die Zukunft der Region schien untrennbar mit dem Rohstoff und der Schwerindustrie verbunden. Nach dem Ende des Wirtschaftswunders geriet die deutsche Steinkohleförderung zunehmend unter Druck. Je tiefer Bergleute vordringen mussten, um die Kohle zu fördern, umso teurer wurde deren Gewinnung. Bereits relativ zeitig musste daher zu einer Subventionierung gegriffen werden. Ohne diesen Schritt wäre deutsche Steinkohle am Weltmarkt schlicht nicht kostendeckend zu verkaufen gewesen.

Nun sind auch die letzten Steinkohlereviere im Ruhrgebiet geschlossen – doch wie lässt sich der Strukturwandel erfolgreich bewältigen? Quelle: @ artfocus  / Adobe Stock Die Entwicklung der Kohlekrise war bereits Ende der 1950er Jahre – als erste Ruhrkohle-Zechen geschlossen wurden – spürbar. In den 1960er Jahren machte sich die Entwicklung dann vollends bemerkbar, als Betreiber selbst Großzechen zur Stilllegung anmeldeten. Das Zechensterben und die Veränderungen in der Stahlindustrie zogen sich anschließend durch die Jahrzehnte. Was anfangs in seiner Dramatik und im Umfang nicht absehbar war, entwickelte sich zu einer Krise für die ganze Region. Und diese musste Antworten finden. Ist nach der letzten Schicht im Kohlebergbau des Ruhrgebiets der Strukturwandel inzwischen geglückt?

Schließungen ohne soziale Härte

Das Ruhrgebiet war über Jahrzehnte das Herz der deutschen Montanindustrie und Zentrum der Steinkohleförderungen. Zechenschließungen – in den 1950er Jahren für Bergleute und Zechenleitung undenkbar. Mit der Konkurrenz aus Asien konnte die deutsche Steinkohle nicht mehr mithalten. Selbst die Kohlesubvention hat an dieser Situation nichts ändern können. Mit der letzten Schicht im deutschen Steinkohlebergbau geht für Deutschland vorerst ein Kapitel mit sehr langer Geschichte zu Ende. Was wurde aus den Bergleuten, die bis zur letzten Schicht noch in den Zechen arbeiteten?

Zwischen den 1950er Jahren, als nicht nur die Förderung der Kohle auf Hochtouren lief und die Schlote der Ruhr-Stahlwerke qualmten und 2018 wurde die Zahl der Beschäftigten in den Zechen bereits massiv abgebaut. Zuletzt waren es von mehreren hunderttausend Bergleuten gerade noch 5.000, die ihr Brot in der Ruhrkohle verdienten. Für viele bedeutete das Aus der Kohleförderung in Bottrop den Weg in den Vorruhestand. Damit konnte zumindest eines vermieden werden: soziale Härte. Bergleute, welche für diesen Schritt zu jung waren, konnten zum großen Teil in neue Jobs vermittelt werden. Das Problem: Im Ruhrgebiet, das traditionell durch die Schwerindustrie geprägt ist, haben sich Alternativen erst allmählich entwickeln müssen. Welche Folgen hatte dieser Trend?

Abwanderung der Bergleute

Das Aus der Kohleförderung zieht trotzdem Kreise, da auch Zulieferer betroffen sind. Außerdem führte das Wegfallen der Zechen als Arbeitgeber dazu, dass sich gerade junge Bergleute nach Alternativen umsahen. Und diese bieten sich aktuell unter anderem in Mittersill/Österreich. Und auch im Hinblick auf die wachsende Bedeutung der E-Mobilität stehen Bergleute aus der Kohle in den Startlöchern. Aktuell wartet alles darauf, dass beispielsweise im Erzgebirge die Gewinnung von Lithium angefahren wird. Mit der Abwanderung setzt das Aus für die Kohleförderung die Region nachhaltig unter Druck. Auf der einen Seite fehlt es Gemeinden an Steuereinnahmen. Andererseits fehlt – wenn junge Beschäftigte abwandern – die für den Wandel so dringend benötigte Kaufkraft. Einen Triggereffekt hat der Strukturwandel in der Schwerindustrie. Besonders die Stahlherstellung musste sich mit der zunehmenden Konkurrenz aus Asien oder Osteuropa einigen unbequemen Wahrheiten stellen – welche letztlich die ganze Region beeinflusst haben und den Strukturwandel.

Den Wandel vollziehen - eine Mammutaufgabe

Kaum eine Wirtschaftsregion war in den letzten Jahrzehnten so stark von der Schwerindustrie und dem Bergbau abhängig wie das Ruhrgebiet. Zechen und die Schornsteine der Hochöfen waren lange prägend für das Bild der Städte und Gemeinden. Inzwischen sind aus vielen Gießereien und Bergbaubetrieben nur noch Brachflächen geworden. Das Ruhrgebiet versucht nicht erst seit gestern mit dieser Entwicklung klarzukommen und Lösungen zu finden. Seit 20 Jahren bis 30 Jahren muss die Region damit fertig werden, dass Betriebe schließen und damit Menschen arbeitslos werden. Während Firmen weiterziehen können und einfach woanders neue Werke eröffnen, bleiben Menschen – manchmal mit gescheiterten Lebensläufen – zurück. Erfahrungen, die in den alten Bundesländern bisher nur sehr wenige Regionen haben machen müssen. Und dieser Strukturwandel lässt sich nicht im Vorbeigehen erledigen, sondern ist für alle Beteiligten eine Mammutaufgabe.

Wie kann der Strukturwandel funktionieren? Es gibt einige Beispiele im Ruhrgebiet, wo der Wandel funktioniert.
• Logistikbranche: Das Ruhrgebiet ist eine Metropolregion mit guter Infrastruktur. Und diese Chance hat die Logistikbranche für sich erkannt. Mit mehr als acht Prozent Anteil hat sie eine sehr große Bedeutung und schlägt damit die Logistikbranche in vielen anderen Bundesländern. Mittlerweile umfasst die Logistikbranche im Ruhrgebiet mehrere tausend Unternehmen, in denen hunderttausende Menschen beschäftigt sind. Ein Beispiel ist Logport. Gerade die Verbindung aus Schifffahrt, Schiene und Straße macht das Ruhrgebiet attraktiv.

• Digitalunternehmen: Wo früher Kohle gefördert wird, holen heute im Ruhrgebiet Unternehmen ganz andere Schätze aus ihren Tiefen. Im Ruhrgebiet sind viele digitale Start-Ups entstanden – wie in Altenessen. Diese schaffen vielleicht nicht Arbeitsplätze in einem Umfang, wie es die Kohle früher vermocht hatte. Allerdings sind sie ein Beispiel dafür, dass Digitalisierung auch Arbeitsplätze schaffen kann.

• Forschung: Die Kohle hat das Ruhrgebiet zu einer bevölkerungsreichen Region gemacht. Und zog auch die Gründung mehrerer Hochschulen nach sich. Diese sind heute mit in der Lage, den Strukturwandel voranzutreiben. Forschungsinstitute ziehen Studenten und Akademiker an. Durch diese in die Zukunft gerichtete Entwicklung entwickelt sich das Ruhrgebiet zunehmend in die Breite.

Moderne Industrie setzt auf künstliche Intelligenz – es bleibt abzuwarten, wie sich das auf die Beschäftigten auswirkt. Quelle: @ roostler  / Adobe Stock

Wie sieht die Industrie der Zukunft aus?

Hochöfen und qualmende Schornsteine haben das Bild des Ruhrgebiets maßgeblich mitgeprägt. Inzwischen sieht das Bild vollkommen anders aus. Auch die Industrie hat sich in den letzten Jahren verändert. Wo früher noch hunderte Beschäftigte arbeiteten, ist die Zahl der Belegschaft massiv geschrumpft.

Und die Industrie befindet sich heute wieder in einem fundamentalen Wandel. Gern wird von Industrie 4.0 gesprochen, wenn es um die Veränderungen geht, welche durch die Digitalisierung losgetreten wurden. Moderne Produktionsverfahren setzen auf ein sehr hohes Maß an Rationalisierung – was durch Automatisierung in der Industrie entsteht.

Hierzu tragen der Einsatz von Fertigungsrobotern und Computern im Monitoring bei. Gerade Aspekte des Umweltschutzes entwickeln sich – auch beeinflusst von den Klimaschutzzielen der Politik – zu einem wichtigen Einflussfaktor, wenn es um die Industrie der Zukunft geht. Und dieser Trend steht erst am Anfang.

Zusätzlich erkennt auch die weiterverarbeitende Industrie mehr und mehr den Nutzen modernen Marketings. So präsentieren sich Fertigungsunternehmen heute offener, was sich zum Beispiel in interessanten Videos über Produktionsverfahren niederschlägt. So erhalten potenzielle Kunden aber auch eventuell interessierte künftige Mitarbeiter ein Bild vom Unternehmen. Zusätzlich sind auch Social-Media Auftritte und moderne Optionen des Online-Marketings in der Branche keine Seltenheit mehr.

Auf das Ruhrgebiet kommen also noch einmal neue Herausforderung zu. Experten gehen heute davon aus, dass durch die Digitalisierung und Automatisierung in der Industrie viele Berufe wegfallen werden. Diese erledigen in Zukunft Maschinen. Auf der anderen Seite werden neue Berufe geschaffen. Und diese können auch im Ruhrgebiet entstehen. Gerade hier ist eine Verbindung zwischen der Bergbau-Geschichte und der Moderne möglich. Im Ruhrgebiet bieten die alten stillgelegten Zechen Platz, um einen einzigartigen Raum für die Entwicklung der digitalen Zukunft der Region und Deutschlands zu schaffen.

Fazit: Das Ruhrgebiet steckt seit Jahren im Strukturwandel

Steinkohle hat das Bild des Ruhrgebiets nachhaltig geprägt. Als Herz der deutschen Schwerindustrie und des Bergbaus haben Städte wie Bottrop oder Gelsenkirchen die Entwicklung am Rohstoffmarkt mit einer zunehmenden Bedeutung der Importkohle zuerst zu spüren bekommen. Zechenschließungen in den 1950er Jahren waren die Folge. Was allmählich begann, wurde später zu einem regelrechten Zechensterben. Ein Trend, der in den 1960er und 1970er Jahren vollends spürbar wurde. Mit dem Ausstieg des Bundes aus der Kohlesubventionierung musste das Aus für die Kohleförderung eine logische Konsequenz sein.

Für das Ruhrgebiet hatte und hat diese Entwicklung dramatische Folgen. Mit dem Wegfallen der Kohleförderung fehlt einer der wichtigsten Arbeitgeber. Hat die Region den Absprung geschafft? Das Ruhrgebiet steckt immer noch im Strukturwandel – und kann auf der einen Seite Beispiele vorzeigen, wie der Wandel funktioniert. Auf der anderen Seite verdeutlicht das Ruhrgebiet, wie schwierig die Entwicklung ist.

Fotos: 1 @ artfocus / Adobe Stock, 2 @ roostler / Adobe Stock