Der ÖPNV im Ruhrgebiet

Ganz im Sinne der Reklame “Besucht euch mal wieder”, mit der die DB Regio derzeit wirbt, und vor dem Hintergrund des anthropogenen Klimawandels hat sicherlich der ein oder andere schon einmal die häufigere Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in Erwägung gezogen. Nicht wenige von denen, die sich dafür entschieden haben, das Auto zu Hause zu lassen, mögen anschließend ihre Entscheidung bereut haben – und Pendler sehen sich mit dem “Problem Nahverkehr” im Ruhrgebiet (arbeits-)täglich konfrontiert.

Das übliche Chaos, Foto - pixabay / 995645 [ruhr-guide] Schon Schüler werden durch Bus und Bahn hinsichtlich ihrer Geduldungs- und Organisationskompetenz zwangsgeschult und müssen oft mit den Eltern zusammen aufbrechen, die zur Arbeit fahren, oder von diesen per Auto gebracht werden, wenn sie nicht in verantwortbarer Fahrraddistanz zur Schule wohnen. Denn wenn sie sich auf die Pünktlichkeit des Nahverkehrs verlassen, kommen sie häufig zu spät. Natürlich können Busse nur so schnell fahren wie der umgebende Verkehr, was bei der hohen Bevölkerungsdichte im Ruhrgebiet für die Stoßzeiten nichts Gutes verheißt. Aber auch zu anderen Zeiten kann durchaus einmal aus undurchsichtigen Gründen ein Bus ausfallen oder 20 Minuten Verspätung haben, was gerade auf nur stündlich verkehrenden Linien zu der ein oder anderen “Fehlerfortpflanzung” führen kann. Auch die Abstimmung zwischen Bussen und Regionalbahnen ist erstaunlich oft nicht gegeben; selbst wenn Ankunfts- und Abfahrtszeiten prinzipiell aufeinander abgestimmt sind, reicht eine minimale Verspätung der S-Bahn oder des RE, die im Zweifel nicht in den Statistiken der Bahn auftaucht, um den anschließenden Bus zu verpassen. So kommt es regelmäßig zu einem Dominoeffekt der Verspätung(en). Wem das wöchentlich zwei bis drei mal passiert, dem fehlen monatlich mehrere Stunden Freizeit und/oder auch Arbeitszeit. Zudem werden Züge auf Linien wie der S1 (die tagsüber alle 20 Minuten verkehren) ab und an als “mit ca. 60 Minuten Verspätung” gelistet, was de facto einen Ausfall der nächsten 2 bis 3 Züge bedeutet – was so natürlich nicht kommuniziert wird: Der Zug ist lediglich etwas verspätet.

Im Verkehrsnetz gefangen

Gerade in einer Metropolregion wie dem Ruhrgebiet wäre ein vernünftig ausgebautes und funktionierendes Nahverkehrsnetz wichtig, da hier potentiell Millionen von Menschen auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind bzw. diese nutzen wollen, da es umweltschonender und zumindest theoretisch entspannter ist als die Autofahrt auf verstopften Straßen. Durch die oft knapp bemessene und durch Verspätungen und Ausfälle weiter beschnittene Umstiegszeit und die nicht immer aktuellen Informationen im Internet wird die “Nahverkehrserfahrung” jedoch leider oft zu einem stressigeren Unterfangen als ein kalkulierbar langer Stau auf einschlägigen Hauptverkehrsadern.

Modernisierung? Um einige Jahrzehnte verspätet und blockiert

Aufgrund der teilweise engen Straßen in den bevölkerungsreichen Städten des Ruhrgebiets wurden bei der Einführung von Straßen- und U-Bahnen sogenannte Metergleise (1000mm Schienenabstand) anstelle der gewöhnlichen, 1435mm breiten Normalgleise verlegt. Manche Städte sind im Laufe der Zeit ganz oder teilweise auf breitere Gleise umgestiegen, mit der Folge, dass Straßenbahnen oft nicht zwischen zwei Städten verkehren können, da die Gleise für sie zu breit bzw. zu schmal sind. Die Modernisierung des Netzes sollte bis Ende des vorigen Jahrhunderts abgeschlossen sein, aber neben Schwierigkeiten in den Kommunen und zwischen den Verbänden spielte auch die nachlassende Förderung durch Land und Bund eine Rolle – Sie können sich denken, welche Partei jeweils an welcher Stelle die Schuld für die entstehenden Probleme sucht. Auch die “Verkehrsverbandslandschaft” bietet einen interessanten Anblick, der einen in der Zeit zurückversetzt, erinnert er doch an den politischen Flickenteppich, der Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts war: Im Ruhrgebiet gibt es nicht weniger als 20 Verkehrsverbände, von den einige in der Tat schon Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurden. So fahren in einer Stadt Trams, U- und Straßenbahnen auf verschieden breiten Gleisen für mehrere Verkehrsbetriebe, und ich kann Ihnen nur wünschen, dass Ihnen das bisher noch nicht dadurch auffiel, dass Sie überraschend mit einem Nahverkehrsticket bestimmte Linien nicht nutzen durften. Falls doch, ahnen Sie nun jedenfalls, was dahinter steckt.

Verschenktes Potential

Lohnt es sich überhaupt, sich über diese Probleme zu ereifern? Definitiv, denn nicht nur sind manche Nutzer des ÖPNV auf diesen angewiesen, sondern viele Leute sehen auch die Vorteile in diesen Fortbewegungsmitteln und würden sie deshalb möglicherweise auch vermehrt nutzen, wenn einige der Probleme behoben würden, wie z. B. eine bessere Anbindung und Kommunikation der Städte des Ruhrgebiets untereinander. Wie einleitend bereits erwähnt, bieten gerade vor dem Hintergrund des anthropogenen Klimawandels (und insgesamt steigender Kraftstoff-Preise) öffentliche Verkehrsmittel eine umweltschonendere Alternative, zumal bspw. Züge sich nicht stauen und im Stop-and-Go-Verkehr Schadstoffe ausstoßen. Billiger sind Bus und Bahn leider oft nicht – angesichts immenser jährlicher Gewinne der Deutsche Bahn AG wäre es vielleicht angemessen, Fahrpreise (und eventuell einige Gehälter in den Chefetagen der DB) nach unten hin anzupassen. Auch ein Betonen der Umweltfreundlichkeit mag von Nutzen sein, werben Verkehrsverbände und Bahn doch bislang nur selten damit. Bezüglich der – verglichen mit einigen anderen Staaten – recht eklatanten Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn könnten Verkehrsmodelle anderer Staaten wie der Schweiz einem Praxistest auf unseren Schienen und Straßen unterzogen werden. Ich für meinen Teil würde gern als “Testperson” mitwirken!

Foto: pixabay / 995645

(fw)

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