Das Projekt Stolpersteine

Sie begegnen einem in ganz Europa: Stolpersteine. Die 96 mal 96 mm großen Betonquader erinnern an Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft oder Abstammung, ihrer sexuellen Orientierung oder Weltanschauung degradiert, verfolgt, ermordet oder in den Suizid getrieben worden sind. Die Stolpersteine gedenken diesen Menschen und dienen als Mahnmal.

 Preger 7: Stolpersteine für die jüdische Familie Preger an der Dorstener Straße, Foto: Stadt Bochum [ruhr-guide] Die Stolpersteine sind ein Projekt des deutschen Künstlers Gunter Demnig, das 1992 begann. Inzwischen sind sie das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Am 16. September 1992 setzte Demnig den ersten mit einer Messingplatte beschrifteten Stein, vor dem historischen Kölner Rathaus zum 50. Jahrestag des Befehls zur Deportation von „Zigeunern“ in das Konzentrationslager Auschwitz. Auf dem Stein sind die Anfangszeilen des Erlasses zu sehen und der Hohlkörper beinhaltete den ganzen Text. Demnig wollte sich durch den Quader auch an der Diskussion um das Bleiberecht der aus Jugoslawien geflohenen Roma beteiligen. Dieser erste Stolperstein wurde im Jahr 2010 von Unbekannten entwendet, 2013 jedoch wieder eingesetzt.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“

Zu Anfang des Projekts galten die Stolpersteine lediglich als theoretisches Konzept für die Veröffentlichung „Größenwahn – Kunstprojekte für Europa“. Durch einen Pfarrer in Köln wurde Demnig jedoch davon überzeugt, einige Steine zu verlegen und ein Zeichen zu setzen. Denn – wie Gunter Demnig den Talmud zitiert – „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“. Der Künstler möchte, dass all die Menschen, die aufgrund des Holocaust ihr Leben ließen oder verfolgt wurden, nicht in Vergessenheit geraten. So legte er am 04. Januar 1995 ohne eine Genehmigung die ersten Steine in Köln und auch im Mai 1996 verlegte Demnig ohne die Erlaubnis der Behörden 51 Stolpersteine in der Oranienstraße in Berlin-Kreuzberg. Später wurden die Mahnmale legalisiert und bis heute sind viele weitere Deutschland- und sogar Europaweit hinzugekommen.

Lustmann 12: Stolpersteine für die jüdische Familie Lustmann. Als Siebzehnjährige war Suzanne Lustmann mit ihrer Familie nach Polen deportiert worden und kehrte nie zurück. Vor einhundert Jahren wurde sie in Bochum geboren., Foto: Stadt Bochum Heute werden Stolpersteine für Juden, Sinti, Roma, Zeugen Jehovas, Opfer der „Euthanasie“-Morde, Homosexuelle, Menschen aus dem politischen Widerstand und Menschen, die als vermeintliche „Asoziale“ bezeichnet wurden, gelegt. Seit der ersten Verlegung in Köln sind die Steine mit den Namen der Opfer beschriftet und auch die Inschrift „HIER WOHNTE … Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch.“ ist auf den meisten Gedenktafeln zu finden. Außerdem enthalten die Steine die Namen der Menschen, das Geburtsjahr und die Deportationsorte. Platziert sind sie immer vor dem letzten vom Opfer gewählten Wohnort.

Jedes Schicksal wird gewürdigt

Die Stolpersteine sollen der nationalsozialistischen Massenverlegung entgegengesetzt werden. Deswegen werden sie einzeln und nicht in Masse eingesetzt – sie sollen jeder Person gerecht werden und individuell an die Schicksale der einzelnen Personen erinnern. So verlegt Gunter Demnig einen Großteil der Steine auch selbst. Er möchte, dass sich mit jedem einzelnen Menschen auseinandergesetzt wird. Zusätzlich zu den Stolpersteinen werden außerdem Stolperschwellen verlegt. Diese befinden sich an Orten, an denen die Zahl der Opfer das räumliche Areal oder unsere Vorstellungskraft überschreiten. Hier werden in einigen Zeilen die damaligen Gegebenheiten dokumentiert.

„Du stolperst mit dem Kopf und dem Herzen“

Der Name „Stolperstein“ hat übrigens zwei Bedeutungen. Zunächst einmal sollen die Menschen, die die Mahnmale passieren, diese auch wahrnehmen und somit darüber „stolpern“. Gleichzeitig spielt Demnig aber auch auf das gedankliche Stolpern an: nachdem man die Steine gesehen hat, stolpert man „mit dem Kopf und dem Herzen“ über ebendiese und macht sich Gedanken über die Opfer des Holocaust. So werden einem die Menschenleben vor Augen geführt und nie vergessen.

Das Konzept der Stolpersteine findet auch auf Widerspruch. Kritiker sind der Meinung, dass die dokumentierten Menschen wortwörtlich mit den Füßen getreten werden und somit eine erneute Degradierung erleben. So wurden in München sogar die beiden einzigen auf öffentlichem Grund verlegten Stolpersteine aus dem Bürgersteig entfernt, da der Stadtrad und der entscheidende Teil der jüdischen Bevölkerung sich gegen diese aussprach.

Kohlengräberland 24: Gunter Demnig verlegt den 300. Stolperstein in Bochum für die jüdische Familie Ortheiler aus Gerthe., Foto: Stadt Bochum

Stolpersteine auch in Bochum

Heutzutage finden Sie die Messingtafeln in Deutschland und 26 weiteren Ländern. Am 29. Dezember 2019 verlegte Demnig den 75. 0000 Stolperstein in Memmingen und seitdem viele weitere.

Auch in Bochum sind mittlerweile 314 Stolpersteine verlegt worden. Einmal im Jahr kommt der Künstler in die Stadt, um das Projekt in Bochum fortzusetzen. Auch im Dezember 2021 sind 31 weitere Steine hinzugefügt worden. Viele verschiedene Stolpersteinpaten beteiligen sich an dem Projekt und forschen zu den jeweiligen Opfern – Schulklassen, Parteien, Vereine und auch Einzelpersonen nehmen hier seit 2004 teil.

Fotos: Stadt Bochum